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Wenn China den Hahn zudreht

Serge Ferrari warnt vor Rohstoffrisiken

30.06.2026 | 6:22
Antimon: Das silbrig-graue Halbmetall steht für die wachsende Rohstoffabhängigkeit bei technischen Textilien und Flammschutz-Anwendungen.

Man denkt bei technischen Textilien schnell an Architektur, Sonnenschutz, Outdoor, Fassaden, Möbel, Marine. An Brandschutzklassen, Zertifikate, Haptik, Farbe, Dauerhaftigkeit. Woran man seltener denkt: an Antimon, ein graues Halbmetall, das irgendwo in der Rezeptur steckt und plötzlich darüber mitentscheidet, ob ein europäischer Hersteller noch sauber produzieren kann.

Genau darum geht es bei Serge Ferrari. Der französische Spezialist für flexible Verbundmembranen und technische Textilien aus Saint-Jean-de-Soudain stand 2024 nach Darstellung von Präsident Sébastien Baril offenbar deutlich näher an einer industriellen Notlage, als man von außen ahnen konnte. Bei einer Medef-Isère-Runde in Grenoble in diesen Tagen sagte Baril laut mesinfos, der Antimon-Schock habe für die Gruppe einen Effekt von rund 30 Mio. Euro gehabt. Sinngemäß: Hätte Serge Ferrari nicht reagiert, wäre es das gewesen.

Das klingt dramatisch. Es ist aber keine hübsch aufgerüschte Krisenrhetorik für einen französischen Lokaltermin. Antimon wird in technischen Anwendungen unter anderem als Flammschutz-Komponente eingesetzt. Genau dort trifft es einen Hersteller, dessen Produkte in Sonnenschutz, textiler Architektur, modularen Strukturen sowie Möbel- und Marine-Anwendungen unterwegs sind. Also in Märkten, in denen Sicherheit, Normen und Performance keine Kür sind, sondern Geschäftsgrundlage.

Der größere Rahmen ist China. Peking hatte im August 2024 Exportkontrollen für Antimon-Produkte angekündigt, wirksam seit dem 15. September 2024. Wer exportieren will, braucht seither Lizenzen. China stand 2023 für knapp die Hälfte der globalen Antimon-Produktion. Reuters berichtete im März 2025, dass seit Oktober keine chinesischen Antimon-Lieferungen mehr in EU-Länder gegangen seien. Die Preise liefen entsprechend davon.

Für Serge Ferrari kam der Rohstoffschock in einer ohnehin unangenehmen Phase. 2024 lag der Umsatz bei 323,6 Mio. Euro. 2025 drehte die Gruppe wieder nach oben: 347,5 Mio. Euro Umsatz, 29,6 Mio. Euro EBITDA, 7,5 Mio. Euro Nettoergebnis. In der offiziellen Ergebnisveröffentlichung nennt SergeFerrari ausdrücklich weiter bestehende Spannungen bei strategischen Materialien wie Antimon und verweist auf Preiserhöhungen, um die Profitabilität zu schützen.

Interessant ist, wie der Hersteller aus der Klemme kam. Baril berichtete in Grenoble, man habe innerhalb von sechs Monaten Alternativen gefunden, Rezepturen angepasst und den Verbrauch verändert. Die neuen Additive sollen nach seiner Darstellung sogar weniger CO₂ verursachen. Aus einer Notoperation wurde damit ein kleiner Technologie- und Nachhaltigkeitshebel. Das ist die freundliche Lesart.

Die weniger freundliche Lesart lautet: Europas Objektmaterial-Branche hat ein Strukturproblem. Sie verkauft Performance, Brandschutz, Kreislauffähigkeit und Nachhaltigkeit, hängt aber bei einzelnen strategischen Komponenten an Lieferketten, die politisch sehr schnell sehr eng werden können. Der Einkauf ist dann nicht mehr der stille Maschinenraum des Geschäfts. Er wird zum Risikoradar.

Für den Interior- und Objektmarkt ist das mehr als eine Rohstoffanekdote. Serge Ferrari steckt mit Sonnenschutz, textiler Architektur, modularen Strukturen sowie Möbel- und Marine-Anwendungen tief in jenen Projektwelten, in denen Brandschutz, Dauerhaftigkeit, CO₂-Werte und Zertifikate nicht schmückendes Beiwerk sind, sondern Eintrittskarten. Wer Hotels, Büros, Schulen, Flughäfen, Kreuzfahrtschiffe, Terrassen oder temporäre Architektur ausstattet, kalkuliert normalerweise mit Reinigung, Lebensdauer, Haptik, Farbe und Normnachweis. Doch hinter diesen Kriterien hängt nun eine neue Frage: Kommt der kritische Zusatzstoff noch, wenn Peking den Exporthahn enger dreht? Genau deshalb ist der Fall Serge Ferrari so unangenehm lehrreich. Er zeigt, dass Materialperformance nicht nur im Labor entsteht, sondern auch an Zollschaltern, in Minen, in Raffinerien und in geopolitischen Machtspielen.

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Wenn China den Hahn zudreht

Serge Ferrari warnt vor Rohstoffrisiken

30.06.2026 | 6:22
Antimon: Das silbrig-graue Halbmetall steht für die wachsende Rohstoffabhängigkeit bei technischen Textilien und Flammschutz-Anwendungen.

Man denkt bei technischen Textilien schnell an Architektur, Sonnenschutz, Outdoor, Fassaden, Möbel, Marine. An Brandschutzklassen, Zertifikate, Haptik, Farbe, Dauerhaftigkeit. Woran man seltener denkt: an Antimon, ein graues Halbmetall, das irgendwo in der Rezeptur steckt und plötzlich darüber mitentscheidet, ob ein europäischer Hersteller noch sauber produzieren kann.

Genau darum geht es bei Serge Ferrari. Der französische Spezialist für flexible Verbundmembranen und technische Textilien aus Saint-Jean-de-Soudain stand 2024 nach Darstellung von Präsident Sébastien Baril offenbar deutlich näher an einer industriellen Notlage, als man von außen ahnen konnte. Bei einer Medef-Isère-Runde in Grenoble in diesen Tagen sagte Baril laut mesinfos, der Antimon-Schock habe für die Gruppe einen Effekt von rund 30 Mio. Euro gehabt. Sinngemäß: Hätte Serge Ferrari nicht reagiert, wäre es das gewesen.

Das klingt dramatisch. Es ist aber keine hübsch aufgerüschte Krisenrhetorik für einen französischen Lokaltermin. Antimon wird in technischen Anwendungen unter anderem als Flammschutz-Komponente eingesetzt. Genau dort trifft es einen Hersteller, dessen Produkte in Sonnenschutz, textiler Architektur, modularen Strukturen sowie Möbel- und Marine-Anwendungen unterwegs sind. Also in Märkten, in denen Sicherheit, Normen und Performance keine Kür sind, sondern Geschäftsgrundlage.

Der größere Rahmen ist China. Peking hatte im August 2024 Exportkontrollen für Antimon-Produkte angekündigt, wirksam seit dem 15. September 2024. Wer exportieren will, braucht seither Lizenzen. China stand 2023 für knapp die Hälfte der globalen Antimon-Produktion. Reuters berichtete im März 2025, dass seit Oktober keine chinesischen Antimon-Lieferungen mehr in EU-Länder gegangen seien. Die Preise liefen entsprechend davon.

Für Serge Ferrari kam der Rohstoffschock in einer ohnehin unangenehmen Phase. 2024 lag der Umsatz bei 323,6 Mio. Euro. 2025 drehte die Gruppe wieder nach oben: 347,5 Mio. Euro Umsatz, 29,6 Mio. Euro EBITDA, 7,5 Mio. Euro Nettoergebnis. In der offiziellen Ergebnisveröffentlichung nennt SergeFerrari ausdrücklich weiter bestehende Spannungen bei strategischen Materialien wie Antimon und verweist auf Preiserhöhungen, um die Profitabilität zu schützen.

Interessant ist, wie der Hersteller aus der Klemme kam. Baril berichtete in Grenoble, man habe innerhalb von sechs Monaten Alternativen gefunden, Rezepturen angepasst und den Verbrauch verändert. Die neuen Additive sollen nach seiner Darstellung sogar weniger CO₂ verursachen. Aus einer Notoperation wurde damit ein kleiner Technologie- und Nachhaltigkeitshebel. Das ist die freundliche Lesart.

Die weniger freundliche Lesart lautet: Europas Objektmaterial-Branche hat ein Strukturproblem. Sie verkauft Performance, Brandschutz, Kreislauffähigkeit und Nachhaltigkeit, hängt aber bei einzelnen strategischen Komponenten an Lieferketten, die politisch sehr schnell sehr eng werden können. Der Einkauf ist dann nicht mehr der stille Maschinenraum des Geschäfts. Er wird zum Risikoradar.

Für den Interior- und Objektmarkt ist das mehr als eine Rohstoffanekdote. Serge Ferrari steckt mit Sonnenschutz, textiler Architektur, modularen Strukturen sowie Möbel- und Marine-Anwendungen tief in jenen Projektwelten, in denen Brandschutz, Dauerhaftigkeit, CO₂-Werte und Zertifikate nicht schmückendes Beiwerk sind, sondern Eintrittskarten. Wer Hotels, Büros, Schulen, Flughäfen, Kreuzfahrtschiffe, Terrassen oder temporäre Architektur ausstattet, kalkuliert normalerweise mit Reinigung, Lebensdauer, Haptik, Farbe und Normnachweis. Doch hinter diesen Kriterien hängt nun eine neue Frage: Kommt der kritische Zusatzstoff noch, wenn Peking den Exporthahn enger dreht? Genau deshalb ist der Fall Serge Ferrari so unangenehm lehrreich. Er zeigt, dass Materialperformance nicht nur im Labor entsteht, sondern auch an Zollschaltern, in Minen, in Raffinerien und in geopolitischen Machtspielen.

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