Erst Nische, dann Norm
Materialtransparenz wird zur globalen Eintrittskarte
Bob King hatte ganz offensichtlich einen guten Tag, als er am 16. Mai vor Chris Williamsons Mikrofon Platz nahm. Modern Wisdom – jenseits seiner Stammhörerschaft im Fitness- und Selbstoptimierungs-Milieu einer der reichweitenstärkeren englischsprachigen Long-Form-Podcasts – hatte den Gründer und CEO von Humanscale eingeladen, und King ließ sich nicht zweimal bitten. Eine Stunde und sieben Minuten lang. Der Titel der Folge: The Health Crisis Of Office Jobs.
King sprach über irgendwie so ziemlich alles. Über Bandscheiben und die Frage, ob schlechte Haltung ein Disziplin- oder ein Design-Problem ist. Über die immer wieder aufgewärmte These vom Sitzen als neuem Rauchen. Über Sattelhocker, Bildschirmzeit, Sonnenlicht gegen Blaulicht. Über die Anekdote, ob der Freedom Chair wirklich nach Obama benannt wurde. Über die Frage, ob Männer und Frauen unterschiedliche Schreibtisch-Setups brauchen. Eine ordentliche Auswahl aus dem Standard-Sortiment, mit dem sich Folgen im Health-&-Wellness-Segment füllen lassen.
Aber zwischen Minute 55:25 und 01:05:53 kam King dann doch auf ein Thema, das für die europäische Workplace-Möbelindustrie ungleich interessanter ist als jede Sitzempfehlung: auf Off-Gassing. Auf die Frage, was eigentlich aus Büromöbeln langfristig in die Raumluft entweicht – Formaldehyd, flüchtige organische Verbindungen, Weichmacher – während Mitarbeiter acht Stunden täglich daneben sitzen. Und auf die Frage, wie ein Hersteller das eigentlich nachweisen kann.
Genau hier wird die Folge relevant. Denn an dieser Stelle treffen sich zwei sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage – eine amerikanische und eine europäische.
Die amerikanische Antwort: das Etikett
Wer in Nordamerika ein Bürogebäude nach LEED zertifiziert oder, ehrgeiziger, nach Living Building Challenge bauen will, kommt an einem kleinen Papierdokument kaum vorbei: dem Declare-Label. Eingeführt 2012 vom International Living Future Institute in Seattle, mittlerweile von mehreren hundert Herstellern genutzt, funktioniert es wie eine Nährwerttabelle für Bauprodukte. Inhaltsstoffe ab 100 ppm werden deklariert, ergänzt um Angaben zu Herkunft und End-of-Life-Optionen. Daneben existiert das technisch ähnliche, kommerziell breiter aufgestellte HPD – Health Product Declaration, geführt vom gleichnamigen Collaborative seit 2012, mit inzwischen deutlich über 11.000 Deklarationen von rund 800 Herstellern.
King erwähnt diese beiden Systeme im Podcast nicht beim Namen. Aber er hat ihre Logik wesentlich mitgeprägt. Humanscale, 1983 in New York gegründet, mit heute etwa 1.500 Mitarbeitern und einem geschätzten Marktanteil von vier bis fünf Prozent am amerikanischen Workplace-Möbelsegment, gehörte zu den ersten Möbelherstellern, die Declare und Health Product Declarations systematisch über große Teile der Produktpalette ausrollten. 2018 stammten rund sechzig Prozent aller veröffentlichten Declare-Labels weltweit aus dem Hause – King selbst sprach im Podcast von achtzig Prozent, eine charmante Übertreibung.
Der Vorsprung ist mittlerweile geschrumpft. Der MMQB-Sustainability-Scorecard 2024, der die Transparenzleistung der zwölf führenden nordamerikanischen Möbelhersteller misst, sieht Humanscale mit 20,71 Prozent Anteil an allen Branchen-HPDs zwar weiterhin auf Platz eins, dicht gefolgt von Steelcase mit 15,38 Prozent. Andere etablierte Namen liegen weit dahinter: MillerKnoll, also der Zusammenschluss von Herman Miller und Knoll, kommt auf 1,18 Prozent. Was die Zahlen zeigen, ist keine bloße Bestätigung von Kings Pionierrolle. Sie zeigen auch, dass freiwillige Transparenz inzwischen in der Branche angekommen ist.
Das gilt umso mehr, seit BIFMA, der amerikanische Möbelverband, im April 2025 die neue Version seines Standards LEVEL e3-2024 verabschiedet hat. Die wesentliche Neuerung: LEVEL bezieht nun unter anderem die Red List der Living Building Challenge und die Restricted Substances List aus dem Cradle-to-Cradle-System ein. Bei großen US-Corporate-Projekten kann LEVEL damit zunehmend zur faktischen Eintrittskarte werden. Aus einem freiwilligen Marketing-Vorsprung wird Schritt für Schritt ein Beschaffungsstandard.
Die europäische Antwort: die Verordnung
In Europa hat dieselbe Frage – was steckt drin, was kommt raus – einen anderen Weg genommen. Sie wurde nicht über Markt und Architektenvorschriften beantwortet, sondern über Brüssel. Und das in einem Tempo, das den europäischen Möbelhandel in den nächsten Jahren spürbar verändern wird.
Am 6. August 2026 greift der neue REACH-Grenzwert für Formaldehyd-Emissionen aus Möbeln und Holzwerkstoffen: 0,062 mg/m³ Innenraumluft. Geprüft wird unter definierten Kammerbedingungen; in der Praxis spielen Verfahren wie EN 717-1 und EN 16516 eine zentrale Rolle. Wer ab diesem Datum Produkte auf den europäischen Binnenmarkt bringt, muss diesen Grenzwert einhalten – nicht nur behauptbar, sondern messbar. Wenige Wochen davor, bis zum 19. Juli 2026, muss die EU zudem das Register für den Digital Product Passport aufbauen. Möbel sind nicht in der ersten verbindlichen DPP-Welle enthalten. Sie stehen aber im ESPR-Arbeitsplan 2025 bis 2030; ein delegierter Rechtsakt für Möbel wird für 2028 erwartet. Die konkrete Anwendungspflicht hängt von diesem Rechtsakt und den anschließenden Übergangsfristen ab.
Das Bemerkenswerteste an dieser Entwicklung ist, was ihr vorausging – nämlich zwölf Jahre lang fast nichts, jedenfalls nichts Einheitliches. Europa hatte zwar eine ganze Reihe freiwilliger Transparenzinstrumente: Blauer Engel, EU Ecolabel, FEMB Level, Eurofins Indoor Air Comfort, EMICODE, den Nordic Swan im Norden. Aber keines davon entwickelte sich zu einem einheitlichen Inhaltsstoff-Label, das von Architekten und Bauherren routinemäßig eingefordert worden wäre. Die Systeme blieben fragmentiert, sektoral, regional. Der Markt löste das Problem nicht. Also löst es nun die Verordnung.
Die Konvergenz
Was die amerikanische und die europäische Linie zusammenführt, sind die globalen Einkaufsabteilungen weniger sehr großer Unternehmen. Google, Apple, Microsoft, Salesforce planen ihre Büroflächen weltweit nach vergleichbaren Sustainability-Vorgaben. Wer in München, Dublin oder Mailand ein Tochterunternehmen einrichtet, bringt häufig die Beschaffungslogik aus Mountain View, Cupertino, Redmond oder San Francisco mit. Bislang traf diese Logik in Europa auf ein Möbelangebot, das auf Indoor-Air-Comfort-Siegel oder Greenguard-Zertifikate verwies – technisch nahe genug an Declare, um zu funktionieren, aber nicht identisch.
Mit dem Digital Product Passport dürfte sich diese Lücke schrittweise schließen. Ein europäisches Möbelstück wird künftig einen maschinenlesbaren Datensatz mitbringen müssen, der Informationen zu Materialien, Herkunft, Reparierbarkeit, Wiederverwertung und weiteren Nachhaltigkeitsparametern enthalten kann. Wahrscheinlich nicht in derselben Sprache, nicht im selben Datenformat, nicht mit identischen Schwellenwerten. Aber strukturell vergleichbar. Wer als europäischer Hersteller mittelfristig ohne belastbare, maschinenlesbare Materialdeklaration verkaufen will, gerät nicht nur im europäischen Compliance-Wettlauf unter Druck. Er verliert auch Anschluss an jene Großkunden, die ihre Beschaffung längst zwischen beiden Welten verschieben.
Bob King hat in seinem Podcast nichts davon erwähnt. Er hat über Sattelhocker gesprochen und über die Frage, ob Männer und Frauen unterschiedliche Tische brauchen. Aber zwischen Minute 55 und Minute 65 hat er ein Geschäftsmodell beschrieben, das in den USA lange ein Wettbewerbsvorteil war – und in Europa Schritt für Schritt zur Eintrittskarte wird.
Erst Nische, dann Norm
Materialtransparenz wird zur globalen Eintrittskarte
Bob King hatte ganz offensichtlich einen guten Tag, als er am 16. Mai vor Chris Williamsons Mikrofon Platz nahm. Modern Wisdom – jenseits seiner Stammhörerschaft im Fitness- und Selbstoptimierungs-Milieu einer der reichweitenstärkeren englischsprachigen Long-Form-Podcasts – hatte den Gründer und CEO von Humanscale eingeladen, und King ließ sich nicht zweimal bitten. Eine Stunde und sieben Minuten lang. Der Titel der Folge: The Health Crisis Of Office Jobs.
King sprach über irgendwie so ziemlich alles. Über Bandscheiben und die Frage, ob schlechte Haltung ein Disziplin- oder ein Design-Problem ist. Über die immer wieder aufgewärmte These vom Sitzen als neuem Rauchen. Über Sattelhocker, Bildschirmzeit, Sonnenlicht gegen Blaulicht. Über die Anekdote, ob der Freedom Chair wirklich nach Obama benannt wurde. Über die Frage, ob Männer und Frauen unterschiedliche Schreibtisch-Setups brauchen. Eine ordentliche Auswahl aus dem Standard-Sortiment, mit dem sich Folgen im Health-&-Wellness-Segment füllen lassen.
Aber zwischen Minute 55:25 und 01:05:53 kam King dann doch auf ein Thema, das für die europäische Workplace-Möbelindustrie ungleich interessanter ist als jede Sitzempfehlung: auf Off-Gassing. Auf die Frage, was eigentlich aus Büromöbeln langfristig in die Raumluft entweicht – Formaldehyd, flüchtige organische Verbindungen, Weichmacher – während Mitarbeiter acht Stunden täglich daneben sitzen. Und auf die Frage, wie ein Hersteller das eigentlich nachweisen kann.
Genau hier wird die Folge relevant. Denn an dieser Stelle treffen sich zwei sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage – eine amerikanische und eine europäische.
Die amerikanische Antwort: das Etikett
Wer in Nordamerika ein Bürogebäude nach LEED zertifiziert oder, ehrgeiziger, nach Living Building Challenge bauen will, kommt an einem kleinen Papierdokument kaum vorbei: dem Declare-Label. Eingeführt 2012 vom International Living Future Institute in Seattle, mittlerweile von mehreren hundert Herstellern genutzt, funktioniert es wie eine Nährwerttabelle für Bauprodukte. Inhaltsstoffe ab 100 ppm werden deklariert, ergänzt um Angaben zu Herkunft und End-of-Life-Optionen. Daneben existiert das technisch ähnliche, kommerziell breiter aufgestellte HPD – Health Product Declaration, geführt vom gleichnamigen Collaborative seit 2012, mit inzwischen deutlich über 11.000 Deklarationen von rund 800 Herstellern.
King erwähnt diese beiden Systeme im Podcast nicht beim Namen. Aber er hat ihre Logik wesentlich mitgeprägt. Humanscale, 1983 in New York gegründet, mit heute etwa 1.500 Mitarbeitern und einem geschätzten Marktanteil von vier bis fünf Prozent am amerikanischen Workplace-Möbelsegment, gehörte zu den ersten Möbelherstellern, die Declare und Health Product Declarations systematisch über große Teile der Produktpalette ausrollten. 2018 stammten rund sechzig Prozent aller veröffentlichten Declare-Labels weltweit aus dem Hause – King selbst sprach im Podcast von achtzig Prozent, eine charmante Übertreibung.
Der Vorsprung ist mittlerweile geschrumpft. Der MMQB-Sustainability-Scorecard 2024, der die Transparenzleistung der zwölf führenden nordamerikanischen Möbelhersteller misst, sieht Humanscale mit 20,71 Prozent Anteil an allen Branchen-HPDs zwar weiterhin auf Platz eins, dicht gefolgt von Steelcase mit 15,38 Prozent. Andere etablierte Namen liegen weit dahinter: MillerKnoll, also der Zusammenschluss von Herman Miller und Knoll, kommt auf 1,18 Prozent. Was die Zahlen zeigen, ist keine bloße Bestätigung von Kings Pionierrolle. Sie zeigen auch, dass freiwillige Transparenz inzwischen in der Branche angekommen ist.
Das gilt umso mehr, seit BIFMA, der amerikanische Möbelverband, im April 2025 die neue Version seines Standards LEVEL e3-2024 verabschiedet hat. Die wesentliche Neuerung: LEVEL bezieht nun unter anderem die Red List der Living Building Challenge und die Restricted Substances List aus dem Cradle-to-Cradle-System ein. Bei großen US-Corporate-Projekten kann LEVEL damit zunehmend zur faktischen Eintrittskarte werden. Aus einem freiwilligen Marketing-Vorsprung wird Schritt für Schritt ein Beschaffungsstandard.
Die europäische Antwort: die Verordnung
In Europa hat dieselbe Frage – was steckt drin, was kommt raus – einen anderen Weg genommen. Sie wurde nicht über Markt und Architektenvorschriften beantwortet, sondern über Brüssel. Und das in einem Tempo, das den europäischen Möbelhandel in den nächsten Jahren spürbar verändern wird.
Am 6. August 2026 greift der neue REACH-Grenzwert für Formaldehyd-Emissionen aus Möbeln und Holzwerkstoffen: 0,062 mg/m³ Innenraumluft. Geprüft wird unter definierten Kammerbedingungen; in der Praxis spielen Verfahren wie EN 717-1 und EN 16516 eine zentrale Rolle. Wer ab diesem Datum Produkte auf den europäischen Binnenmarkt bringt, muss diesen Grenzwert einhalten – nicht nur behauptbar, sondern messbar. Wenige Wochen davor, bis zum 19. Juli 2026, muss die EU zudem das Register für den Digital Product Passport aufbauen. Möbel sind nicht in der ersten verbindlichen DPP-Welle enthalten. Sie stehen aber im ESPR-Arbeitsplan 2025 bis 2030; ein delegierter Rechtsakt für Möbel wird für 2028 erwartet. Die konkrete Anwendungspflicht hängt von diesem Rechtsakt und den anschließenden Übergangsfristen ab.
Das Bemerkenswerteste an dieser Entwicklung ist, was ihr vorausging – nämlich zwölf Jahre lang fast nichts, jedenfalls nichts Einheitliches. Europa hatte zwar eine ganze Reihe freiwilliger Transparenzinstrumente: Blauer Engel, EU Ecolabel, FEMB Level, Eurofins Indoor Air Comfort, EMICODE, den Nordic Swan im Norden. Aber keines davon entwickelte sich zu einem einheitlichen Inhaltsstoff-Label, das von Architekten und Bauherren routinemäßig eingefordert worden wäre. Die Systeme blieben fragmentiert, sektoral, regional. Der Markt löste das Problem nicht. Also löst es nun die Verordnung.
Die Konvergenz
Was die amerikanische und die europäische Linie zusammenführt, sind die globalen Einkaufsabteilungen weniger sehr großer Unternehmen. Google, Apple, Microsoft, Salesforce planen ihre Büroflächen weltweit nach vergleichbaren Sustainability-Vorgaben. Wer in München, Dublin oder Mailand ein Tochterunternehmen einrichtet, bringt häufig die Beschaffungslogik aus Mountain View, Cupertino, Redmond oder San Francisco mit. Bislang traf diese Logik in Europa auf ein Möbelangebot, das auf Indoor-Air-Comfort-Siegel oder Greenguard-Zertifikate verwies – technisch nahe genug an Declare, um zu funktionieren, aber nicht identisch.
Mit dem Digital Product Passport dürfte sich diese Lücke schrittweise schließen. Ein europäisches Möbelstück wird künftig einen maschinenlesbaren Datensatz mitbringen müssen, der Informationen zu Materialien, Herkunft, Reparierbarkeit, Wiederverwertung und weiteren Nachhaltigkeitsparametern enthalten kann. Wahrscheinlich nicht in derselben Sprache, nicht im selben Datenformat, nicht mit identischen Schwellenwerten. Aber strukturell vergleichbar. Wer als europäischer Hersteller mittelfristig ohne belastbare, maschinenlesbare Materialdeklaration verkaufen will, gerät nicht nur im europäischen Compliance-Wettlauf unter Druck. Er verliert auch Anschluss an jene Großkunden, die ihre Beschaffung längst zwischen beiden Welten verschieben.
Bob King hat in seinem Podcast nichts davon erwähnt. Er hat über Sattelhocker gesprochen und über die Frage, ob Männer und Frauen unterschiedliche Tische brauchen. Aber zwischen Minute 55 und Minute 65 hat er ein Geschäftsmodell beschrieben, das in den USA lange ein Wettbewerbsvorteil war – und in Europa Schritt für Schritt zur Eintrittskarte wird.
