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„Ein Hotel muss man spüren können“

Mahmoudieh denkt Hotellerie radikal ganzheitlich

19.10.2026 | 6:40

Kaminlounge im Strandhotel Atlantic im Seebad Bansin auf Usedom: Samtbezüge, Kupferleuchten und eine Bücherwand, die das Literaturthema des Hauses aufgreift. Mahmoudieh hat das Hotel und die angrenzende Villa Meeresstrand umfassend neu gestaltet. Fotos: Strandhotel Atlantic & Villa Meeresstrand / Yasmine Mahmoudieh
Yasmine Mahmoudieh verbindet Architektur, Interior Design und ESG mit einem weitreichenden Anspruch: Hospitality soll nicht nur Emissionen und Abfall reduzieren, sondern Gesundheit, Gemeinschaft und Umwelt positiv beeinflussen.
Yasmine Mahmoudieh verbindet Architektur, Interior Design und ESG mit einem weitreichenden Anspruch: Hospitality soll nicht nur Emissionen und Abfall reduzieren, sondern Gesundheit, Gemeinschaft und Umwelt positiv beeinflussen.
Der Empfang setzt auf Kontraste: ein kantiger, metallverkleideter Tresen vor plastisch gewellter Wandverkleidung.
Der Empfang setzt auf Kontraste: ein kantiger, metallverkleideter Tresen vor plastisch gewellter Wandverkleidung.

Yasmine Mahmoudieh über regenerative Hotellerie, gesündere Materialien, KI im Design und die Frage, warum Hotels mehr tun sollten, als lediglich ihre Umweltbelastung zu reduzieren.

Die Hotellerie steht gleich von mehreren Seiten unter Druck. Die Anforderungen an Nachhaltigkeit steigen, wirtschaftliche Zwänge nehmen zu, digitale Werkzeuge beschleunigen den Entwurfsprozess, und Gäste achten zunehmend auf Wohlbefinden, Authentizität und die Werte, für die ein Haus steht. Für Yasmine Mahmoudieh sind diese Entwicklungen untrennbar miteinander verbunden. Sie führen zu einer grundsätzlichen Frage: Was sollte ein Hotel eigentlich für die Menschen leisten, die dort übernachten – und für die Umwelt, in die es eingebettet ist?

Mahmoudieh ist Architektin, Interior Designerin, Impact-Designerin und Creative Director mit Standorten in London und Mailand. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet sie international an Hospitality- und Mixed-Use-Projekten in Europa, dem Nahen Osten sowie Nord- und Südamerika. Ihr Schwerpunkt liegt zunehmend auf regenerativen Materialien, ESG-orientierter Gestaltung und dem Zusammenhang zwischen Architektur und menschlicher Gesundheit. Neben ihrer Arbeit im eigenen Studio berät sie Hotelgruppen, Tourismusorganisationen, Regierungen und öffentliche Institutionen. Zudem hat sie eine kontinuierlich wachsende Bibliothek organischer und regenerativer Materialien aufgebaut, die aus ihrer Sicht zukunftsfähigere Entwurfsentscheidungen ermöglicht.

Ihr Anspruch ist hoch. Mahmoudieh vertritt die Auffassung, dass sich die Hotellerie nicht länger darauf beschränken sollte, Schäden zu reduzieren. Stattdessen müsse sie aktiv zur Gesundheit von Menschen, zur Stärkung von Gemeinschaften und zur Regeneration von Ökosystemen beitragen. Das wirft eine naheliegende Frage auf: Wie viel davon verändert bereits konkrete Projekte – und wie viel ist bislang noch Anspruch?

furnomics: Das Hospitality-Design wird derzeit von Nachhaltigkeitszielen, wirtschaftlichem Druck, neuen Technologien und veränderten Erwartungen der Gäste geprägt. Welche dieser Entwicklungen hat aktuell den größten Einfluss auf Projekte?

Yasmine Mahmoudieh: All diese Faktoren prägen die Hotellerie. Den stärksten Einfluss sehe ich jedoch in der Kombination aus wirtschaftlichem Druck und veränderten Erwartungen der Gäste. Eigentümer wünschen sich widerstandsfähigere und zukunftssichere Immobilien. Gleichzeitig suchen Gäste zunehmend nach Orten, die zu ihren Werten und ihrem Wohlbefinden passen, statt lediglich aktuellen Designtrends zu folgen. Technologie und KI folgen diesen Anforderungen. Wir nutzen sie, um die Leistungsfähigkeit von Gebäuden besser zu verstehen und Erlebnisse zu personalisieren. Im Kern bleibt die Frage jedoch eine zutiefst menschliche. Ein Hotel muss man spüren können. Entscheidend ist, wie ein Raum Körper, Geist und Seele berührt und ob Menschen sich nach ihrem Aufenthalt besser fühlen als zuvor.

furnomics: Beeinflusst Nachhaltigkeit Hospitality-Projekte bereits von der ersten Konzeptphase an, oder wird sie noch immer zu häufig nachträglich berücksichtigt, um Vorschriften und Zertifizierungsanforderungen zu erfüllen?

Yasmine Mahmoudieh: In meiner eigenen Arbeit beginnt Nachhaltigkeit mit dem ersten Konzept. Wird sie erst später berücksichtigt, bleibt sie meist oberflächlich oder wird teuer. Branchenweit wird sie jedoch noch immer zu häufig nachträglich integriert, um Vorschriften oder Zertifizierungsanforderungen zu erfüllen. Dann entstehen sichtbare „grüne“ Elemente, während die grundlegende Struktur des Projekts unverändert bleibt. Wenn Nachhaltigkeit dagegen von Anfang an das Konzept bestimmt, beeinflusst sie Standort, Architektur, Materialien, Betrieb und die Geschichte, die ein Ort erzählt. Auf diese Weise kann sich ein Hotel von einem lediglich „weniger schädlichen“ zu einem tatsächlich regenerativen Ort entwickeln – für seine Umwelt und seine Gäste.

furnomics: Wo sehen Sie die größte Diskrepanz zwischen den Nachhaltigkeitsambitionen der Branche und dem, was tatsächlich gebaut wird?

Yasmine Mahmoudieh: Die größte Diskrepanz sehe ich zwischen den ESG-Ambitionen und den alltäglichen Entscheidungen beim Bauen. Viele Marken sprechen über Netto-Null-Emissionen, Kreislaufwirtschaft und Wellness. Gleichzeitig sind konventionelle Bauweisen, gesundheitsschädliche Oberflächenmaterialien und kurzfristig ausgerichtete Kostenoptimierungen noch immer die Regel. Meine Mission ist es, die Art und Weise, wie wir bauen, zu verändern. Schädliche Materialien sollen durch gesunde, organische und regenerative Alternativen ersetzt werden, damit die Hotellerie aktiv zur Gesundheit des Planeten und der Menschen beitragen kann. Das erfordert mehr Wissen, Geduld und Mut in der Konzeptphase. Langfristig zahlt es sich jedoch durch eine bessere Leistungsfähigkeit der Gebäude und eine stärkere Gästebindung aus.

Gerasterte Porträts tragen das Literaturthema des Hauses bis in die Zimmer: hier Leo Tolstoi über dem Bett, darüber ein Zitat an der abgehängten Decke, dahinter der Blick auf die Ostsee.
Gerasterte Porträts tragen das Literaturthema des Hauses bis in die Zimmer: hier Leo Tolstoi über dem Bett, darüber ein Zitat an der abgehängten Decke, dahinter der Blick auf die Ostsee.
Maxim Gorki als Wandmotiv: Der Schriftsteller war 1922 in Heringsdorf zu Gast.
Maxim Gorki als Wandmotiv: Der Schriftsteller war 1922 in Heringsdorf zu Gast.
Schwimmbad im Spa: Mosaikfliesen, Vorhänge und ein beleuchtetes Deckenfeld sorgen für eine ruhige, warme Lichtstimmung.
Schwimmbad im Spa: Mosaikfliesen, Vorhänge und ein beleuchtetes Deckenfeld sorgen für eine ruhige, warme Lichtstimmung.
Im Restaurant gliedern Sitznischen mit gemusterten Polstern den Raum, darüber hängen Glaspendel in Kupfer und Silber.
Im Restaurant gliedern Sitznischen mit gemusterten Polstern den Raum, darüber hängen Glaspendel in Kupfer und Silber.

furnomics: Ihre Arbeit verbindet Architektur, Hospitality, ESG und Bildung. Wie beeinflusst diese übergreifende Perspektive Ihre Herangehensweise an kommerzielle Projekte?

Yasmine Mahmoudieh: Ich betrachte Architektur als angewandte Kunst mit einem klaren Ziel: das Leben zu verbessern. In der Hotellerie bedeutet das, Verhalten, Emotionen und Erinnerungen zu gestalten. Weil meine Arbeit Hospitality, ESG und Bildung miteinander verbindet, betrachte ich Projekte eher als Teil eines größeren Ökosystems denn als isolierte Gebäude. Ich unterstütze Kunden dabei, ihre Räume mit ihrer ESG-Strategie und dem Gästeerlebnis in Einklang zu bringen – unabhängig davon, ob es um ein einzelnes Hotel, eine Marke oder eine Destination geht. Dazu kann auch die Zusammenarbeit mit Hotelgruppen, Tourismusorganisationen oder öffentlichen Institutionen gehören, etwa bei der Frage, wie ein Ort funktioniert, kommuniziert und sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt.

furnomics: Wie verändern KI und andere digitale Werkzeuge den architektonischen und kreativen Prozess? Wo sehen Sie einen echten Mehrwert, und wo sollten Gestalter vorsichtig bleiben?

Yasmine Mahmoudieh: KI und digitale Werkzeuge verändern unseren Arbeitsprozess bereits auf nützliche Weise. Sie helfen uns, mehr Möglichkeiten auszuloten, die Leistungsfähigkeit von Entwürfen zu analysieren und Ideen schneller zu vermitteln. Dadurch bleibt Gestaltern mehr Zeit, sich mit Kontext, Kultur und menschlichen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. In zwei Bereichen halte ich allerdings Vorsicht für geboten. Erstens bei der Ästhetik: Wenn wir uns zu stark auf KI verlassen, riskieren wir weltweit homogenisierte Räume, die ihre lokale Seele verlieren. Zweitens bei Entscheidungen: Mehr Daten führen nicht automatisch zu klügeren Entscheidungen. Wir brauchen weiterhin Intuition und ethisches Urteilsvermögen, um zu entscheiden, welche Art von Zukunft wir gestalten wollen. Ich nutze KI als leistungsfähigen Assistenten, lasse aber menschliche Empathie und kulturelles Verständnis den Ton angeben.

furnomics: Was erwarten Hotelgäste heute zunehmend, das Designer, Entwickler oder Betreiber möglicherweise noch unterschätzen?

Yasmine Mahmoudieh: Gäste erwarten zunehmend ganzheitliches Wohlbefinden und Authentizität, selbst in Business- und Stadthotels. Sie nehmen Luftqualität, Licht, Akustik, Materialien und die Herkunft von Lebensmitteln wahr. Und sie achten darauf, wie sie sich nach einigen Nächten an einem Ort fühlen. Zudem wünschen sie sich Umgebungen, die sich intuitiv an ihre Bedürfnisse anpassen, während die Technik unauffällig im Hintergrund arbeitet. Vor allem aber suchen viele Reisende heute nach Sinn: nach einer Verbindung zur lokalen Kultur, zur Natur und zu einem übergeordneten Zweck. Ein Hotel kann entweder eine neutrale Kulisse sein oder ein kleiner Kosmos, der inspiriert und neue Kraft schenkt.

furnomics: Was wird in den kommenden zehn Jahren ein außergewöhnliches Hotel von einem durchschnittlichen unterscheiden?

Yasmine Mahmoudieh: Außergewöhnliche Hotels werden sich im kommenden Jahrzehnt weniger durch spektakuläre Inszenierungen als durch die Tiefe des Erlebnisses und ihre regenerative Wirkung auszeichnen. Sie werden in ihrem jeweiligen Ökosystem verwurzelt sein, lokale Materialien und handwerkliche Traditionen nutzen und einen spürbaren Beitrag für Gemeinschaft und Umwelt leisten. Sie werden Licht, Klang, Duft, Texturen und Temperatur so aufeinander abstimmen, dass sich Gäste in diesen Räumen wirklich geborgen fühlen. Technologie wird Wohlbefinden und Nachhaltigkeit im Hintergrund unterstützen, statt das Erlebnis zu dominieren. Ich entwickle derzeit ein regeneratives Luxushotelkonzept, das meine internationale Erfahrung in der Hotellerie mit Innovationen verbindet, die es im Luxussegment bislang noch nicht gibt.

Das Konzept kombiniert ein Biohacking- und Longevity-Zentrum mit einem ausgeprägten Kultur- und Veranstaltungsprogramm. Es ist eher als Bewegung denn als bloße Marke gedacht. Ziel ist ein Hotel als kleiner Kosmos, in dem Körper, Geist und Seele gleichermaßen angesprochen werden und sich die Art, wie wir reisen, leben und arbeiten, behutsam verändern kann. Das Konzept befindet sich inzwischen in einer klar definierten Planungsphase. Ich habe es für ausgewählte Investitionspartner geöffnet, die meine Überzeugung teilen, dass gesellschaftlich und ökologisch verantwortliches Handeln und langfristiger wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen können.

furnomics: Welche wichtige Frage stellt sich die Hospitality-Branche Ihrer Meinung nach noch immer zu selten?

Yasmine Mahmoudieh: Eine Frage, die ich nur selten höre, die ich aber für entscheidend halte, lautet: Wie kann dieses Hotel aktiv zur Regeneration seiner Umwelt, seiner Gemeinschaft und zur Gesundheit seiner Gäste und Mitarbeiter beitragen, statt lediglich Schäden zu minimieren? Wir sprechen viel über Reduktion – weniger Energie, weniger Abfall, weniger Emissionen. Das ist notwendig. Aber wir fragen nur selten, wie ein Projekt Ökosysteme wiederherstellen, soziale Bindungen stärken, das körperliche und psychische Wohlbefinden verbessern oder künftige Generationen bilden und inspirieren könnte. Wenn wir diese Frage an den Anfang stellen, verändert sich die gesamte Aufgabenstellung. Die Hotellerie wird Teil einer positiven Bewegung und nicht bloß zu einer etwas saubereren Variante des bisherigen Geschäftsmodells.

„Ein Hotel muss man spüren können“

Mahmoudieh denkt Hotellerie radikal ganzheitlich

19.10.2026 | 6:40
Kaminlounge im Strandhotel Atlantic im Seebad Bansin auf Usedom: Samtbezüge, Kupferleuchten und eine Bücherwand, die das Literaturthema des Hauses aufgreift. Mahmoudieh hat das Hotel und die angrenzende Villa Meeresstrand umfassend neu gestaltet. Fotos: Strandhotel Atlantic & Villa Meeresstrand / Yasmine Mahmoudieh
Kaminlounge im Strandhotel Atlantic im Seebad Bansin auf Usedom: Samtbezüge, Kupferleuchten und eine Bücherwand, die das Literaturthema des Hauses aufgreift. Mahmoudieh hat das Hotel und die angrenzende Villa Meeresstrand umfassend neu gestaltet. Fotos: Strandhotel Atlantic & Villa Meeresstrand / Yasmine Mahmoudieh

Yasmine Mahmoudieh über regenerative Hotellerie, gesündere Materialien, KI im Design und die Frage, warum Hotels mehr tun sollten, als lediglich ihre Umweltbelastung zu reduzieren.

Die Hotellerie steht gleich von mehreren Seiten unter Druck. Die Anforderungen an Nachhaltigkeit steigen, wirtschaftliche Zwänge nehmen zu, digitale Werkzeuge beschleunigen den Entwurfsprozess, und Gäste achten zunehmend auf Wohlbefinden, Authentizität und die Werte, für die ein Haus steht. Für Yasmine Mahmoudieh sind diese Entwicklungen untrennbar miteinander verbunden. Sie führen zu einer grundsätzlichen Frage: Was sollte ein Hotel eigentlich für die Menschen leisten, die dort übernachten – und für die Umwelt, in die es eingebettet ist?

Mahmoudieh ist Architektin, Interior Designerin, Impact-Designerin und Creative Director mit Standorten in London und Mailand. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet sie international an Hospitality- und Mixed-Use-Projekten in Europa, dem Nahen Osten sowie Nord- und Südamerika. Ihr Schwerpunkt liegt zunehmend auf regenerativen Materialien, ESG-orientierter Gestaltung und dem Zusammenhang zwischen Architektur und menschlicher Gesundheit. Neben ihrer Arbeit im eigenen Studio berät sie Hotelgruppen, Tourismusorganisationen, Regierungen und öffentliche Institutionen. Zudem hat sie eine kontinuierlich wachsende Bibliothek organischer und regenerativer Materialien aufgebaut, die aus ihrer Sicht zukunftsfähigere Entwurfsentscheidungen ermöglicht.

Ihr Anspruch ist hoch. Mahmoudieh vertritt die Auffassung, dass sich die Hotellerie nicht länger darauf beschränken sollte, Schäden zu reduzieren. Stattdessen müsse sie aktiv zur Gesundheit von Menschen, zur Stärkung von Gemeinschaften und zur Regeneration von Ökosystemen beitragen. Das wirft eine naheliegende Frage auf: Wie viel davon verändert bereits konkrete Projekte – und wie viel ist bislang noch Anspruch?

furnomics: Das Hospitality-Design wird derzeit von Nachhaltigkeitszielen, wirtschaftlichem Druck, neuen Technologien und veränderten Erwartungen der Gäste geprägt. Welche dieser Entwicklungen hat aktuell den größten Einfluss auf Projekte?

Yasmine Mahmoudieh: All diese Faktoren prägen die Hotellerie. Den stärksten Einfluss sehe ich jedoch in der Kombination aus wirtschaftlichem Druck und veränderten Erwartungen der Gäste. Eigentümer wünschen sich widerstandsfähigere und zukunftssichere Immobilien. Gleichzeitig suchen Gäste zunehmend nach Orten, die zu ihren Werten und ihrem Wohlbefinden passen, statt lediglich aktuellen Designtrends zu folgen. Technologie und KI folgen diesen Anforderungen. Wir nutzen sie, um die Leistungsfähigkeit von Gebäuden besser zu verstehen und Erlebnisse zu personalisieren. Im Kern bleibt die Frage jedoch eine zutiefst menschliche. Ein Hotel muss man spüren können. Entscheidend ist, wie ein Raum Körper, Geist und Seele berührt und ob Menschen sich nach ihrem Aufenthalt besser fühlen als zuvor.

furnomics: Beeinflusst Nachhaltigkeit Hospitality-Projekte bereits von der ersten Konzeptphase an, oder wird sie noch immer zu häufig nachträglich berücksichtigt, um Vorschriften und Zertifizierungsanforderungen zu erfüllen?

Yasmine Mahmoudieh: In meiner eigenen Arbeit beginnt Nachhaltigkeit mit dem ersten Konzept. Wird sie erst später berücksichtigt, bleibt sie meist oberflächlich oder wird teuer. Branchenweit wird sie jedoch noch immer zu häufig nachträglich integriert, um Vorschriften oder Zertifizierungsanforderungen zu erfüllen. Dann entstehen sichtbare „grüne“ Elemente, während die grundlegende Struktur des Projekts unverändert bleibt. Wenn Nachhaltigkeit dagegen von Anfang an das Konzept bestimmt, beeinflusst sie Standort, Architektur, Materialien, Betrieb und die Geschichte, die ein Ort erzählt. Auf diese Weise kann sich ein Hotel von einem lediglich „weniger schädlichen“ zu einem tatsächlich regenerativen Ort entwickeln – für seine Umwelt und seine Gäste.

furnomics: Wo sehen Sie die größte Diskrepanz zwischen den Nachhaltigkeitsambitionen der Branche und dem, was tatsächlich gebaut wird?

Yasmine Mahmoudieh: Die größte Diskrepanz sehe ich zwischen den ESG-Ambitionen und den alltäglichen Entscheidungen beim Bauen. Viele Marken sprechen über Netto-Null-Emissionen, Kreislaufwirtschaft und Wellness. Gleichzeitig sind konventionelle Bauweisen, gesundheitsschädliche Oberflächenmaterialien und kurzfristig ausgerichtete Kostenoptimierungen noch immer die Regel. Meine Mission ist es, die Art und Weise, wie wir bauen, zu verändern. Schädliche Materialien sollen durch gesunde, organische und regenerative Alternativen ersetzt werden, damit die Hotellerie aktiv zur Gesundheit des Planeten und der Menschen beitragen kann. Das erfordert mehr Wissen, Geduld und Mut in der Konzeptphase. Langfristig zahlt es sich jedoch durch eine bessere Leistungsfähigkeit der Gebäude und eine stärkere Gästebindung aus.

furnomics: Ihre Arbeit verbindet Architektur, Hospitality, ESG und Bildung. Wie beeinflusst diese übergreifende Perspektive Ihre Herangehensweise an kommerzielle Projekte?

Yasmine Mahmoudieh: Ich betrachte Architektur als angewandte Kunst mit einem klaren Ziel: das Leben zu verbessern. In der Hotellerie bedeutet das, Verhalten, Emotionen und Erinnerungen zu gestalten. Weil meine Arbeit Hospitality, ESG und Bildung miteinander verbindet, betrachte ich Projekte eher als Teil eines größeren Ökosystems denn als isolierte Gebäude. Ich unterstütze Kunden dabei, ihre Räume mit ihrer ESG-Strategie und dem Gästeerlebnis in Einklang zu bringen – unabhängig davon, ob es um ein einzelnes Hotel, eine Marke oder eine Destination geht. Dazu kann auch die Zusammenarbeit mit Hotelgruppen, Tourismusorganisationen oder öffentlichen Institutionen gehören, etwa bei der Frage, wie ein Ort funktioniert, kommuniziert und sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt.

furnomics: Wie verändern KI und andere digitale Werkzeuge den architektonischen und kreativen Prozess? Wo sehen Sie einen echten Mehrwert, und wo sollten Gestalter vorsichtig bleiben?

Yasmine Mahmoudieh: KI und digitale Werkzeuge verändern unseren Arbeitsprozess bereits auf nützliche Weise. Sie helfen uns, mehr Möglichkeiten auszuloten, die Leistungsfähigkeit von Entwürfen zu analysieren und Ideen schneller zu vermitteln. Dadurch bleibt Gestaltern mehr Zeit, sich mit Kontext, Kultur und menschlichen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. In zwei Bereichen halte ich allerdings Vorsicht für geboten. Erstens bei der Ästhetik: Wenn wir uns zu stark auf KI verlassen, riskieren wir weltweit homogenisierte Räume, die ihre lokale Seele verlieren. Zweitens bei Entscheidungen: Mehr Daten führen nicht automatisch zu klügeren Entscheidungen. Wir brauchen weiterhin Intuition und ethisches Urteilsvermögen, um zu entscheiden, welche Art von Zukunft wir gestalten wollen. Ich nutze KI als leistungsfähigen Assistenten, lasse aber menschliche Empathie und kulturelles Verständnis den Ton angeben.

furnomics: Was erwarten Hotelgäste heute zunehmend, das Designer, Entwickler oder Betreiber möglicherweise noch unterschätzen?

Yasmine Mahmoudieh: Gäste erwarten zunehmend ganzheitliches Wohlbefinden und Authentizität, selbst in Business- und Stadthotels. Sie nehmen Luftqualität, Licht, Akustik, Materialien und die Herkunft von Lebensmitteln wahr. Und sie achten darauf, wie sie sich nach einigen Nächten an einem Ort fühlen. Zudem wünschen sie sich Umgebungen, die sich intuitiv an ihre Bedürfnisse anpassen, während die Technik unauffällig im Hintergrund arbeitet. Vor allem aber suchen viele Reisende heute nach Sinn: nach einer Verbindung zur lokalen Kultur, zur Natur und zu einem übergeordneten Zweck. Ein Hotel kann entweder eine neutrale Kulisse sein oder ein kleiner Kosmos, der inspiriert und neue Kraft schenkt.

furnomics: Was wird in den kommenden zehn Jahren ein außergewöhnliches Hotel von einem durchschnittlichen unterscheiden?

Yasmine Mahmoudieh: Außergewöhnliche Hotels werden sich im kommenden Jahrzehnt weniger durch spektakuläre Inszenierungen als durch die Tiefe des Erlebnisses und ihre regenerative Wirkung auszeichnen. Sie werden in ihrem jeweiligen Ökosystem verwurzelt sein, lokale Materialien und handwerkliche Traditionen nutzen und einen spürbaren Beitrag für Gemeinschaft und Umwelt leisten. Sie werden Licht, Klang, Duft, Texturen und Temperatur so aufeinander abstimmen, dass sich Gäste in diesen Räumen wirklich geborgen fühlen. Technologie wird Wohlbefinden und Nachhaltigkeit im Hintergrund unterstützen, statt das Erlebnis zu dominieren. Ich entwickle derzeit ein regeneratives Luxushotelkonzept, das meine internationale Erfahrung in der Hotellerie mit Innovationen verbindet, die es im Luxussegment bislang noch nicht gibt.

Das Konzept kombiniert ein Biohacking- und Longevity-Zentrum mit einem ausgeprägten Kultur- und Veranstaltungsprogramm. Es ist eher als Bewegung denn als bloße Marke gedacht. Ziel ist ein Hotel als kleiner Kosmos, in dem Körper, Geist und Seele gleichermaßen angesprochen werden und sich die Art, wie wir reisen, leben und arbeiten, behutsam verändern kann. Das Konzept befindet sich inzwischen in einer klar definierten Planungsphase. Ich habe es für ausgewählte Investitionspartner geöffnet, die meine Überzeugung teilen, dass gesellschaftlich und ökologisch verantwortliches Handeln und langfristiger wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen können.

furnomics: Welche wichtige Frage stellt sich die Hospitality-Branche Ihrer Meinung nach noch immer zu selten?

Yasmine Mahmoudieh: Eine Frage, die ich nur selten höre, die ich aber für entscheidend halte, lautet: Wie kann dieses Hotel aktiv zur Regeneration seiner Umwelt, seiner Gemeinschaft und zur Gesundheit seiner Gäste und Mitarbeiter beitragen, statt lediglich Schäden zu minimieren? Wir sprechen viel über Reduktion – weniger Energie, weniger Abfall, weniger Emissionen. Das ist notwendig. Aber wir fragen nur selten, wie ein Projekt Ökosysteme wiederherstellen, soziale Bindungen stärken, das körperliche und psychische Wohlbefinden verbessern oder künftige Generationen bilden und inspirieren könnte. Wenn wir diese Frage an den Anfang stellen, verändert sich die gesamte Aufgabenstellung. Die Hotellerie wird Teil einer positiven Bewegung und nicht bloß zu einer etwas saubereren Variante des bisherigen Geschäftsmodells.

Gerasterte Porträts tragen das Literaturthema des Hauses bis in die Zimmer: hier Leo Tolstoi über dem Bett, darüber ein Zitat an der abgehängten Decke, dahinter der Blick auf die Ostsee.
Gerasterte Porträts tragen das Literaturthema des Hauses bis in die Zimmer: hier Leo Tolstoi über dem Bett, darüber ein Zitat an der abgehängten Decke, dahinter der Blick auf die Ostsee.
Maxim Gorki als Wandmotiv: Der Schriftsteller war 1922 in Heringsdorf zu Gast.
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Schwimmbad im Spa: Mosaikfliesen, Vorhänge und ein beleuchtetes Deckenfeld sorgen für eine ruhige, warme Lichtstimmung.
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