Werner Aisslinger im Interview
„Die Hochzeit der Drehstühle ist vorbei“
COR will im Objektgeschäft weiter Boden gutmachen. Die Orgatec 2026 liefert dafür die passende Bühne. Denn der Polstermöbelhersteller aus Rheda-Wiedenbrück hat längst mehr im Blick als das private Wohnzimmer. Büros, Hotels, Konferenzräume – überall dort, wo es wohnlicher werden soll, sieht sich COR mit seiner Kollektion gut aufgestellt. Gut ein Viertel des Umsatzes kommt inzwischen aus dem Objektgeschäft. Das ist längst mehr als ein nettes Zusatzgeschäft. Zumal der klassische Wohnmöbelmarkt bekanntlich alles andere als in Feierlaune ist.
Leo Lübke treibt das Thema weiter voran. Für die jüngste Neuheit hat sich der geschäftsführende Gesellschafter Werner Aisslinger an die Seite geholt. Die beiden kennen sich schon lange, ein gemeinsames Sitzmöbel gab es bislang allerdings nicht. Der Anstoß kam auf der Orgatec 2024. Zwei Jahre später steht Floy im Programm. Ein Stuhl, der am privaten Esstisch ebenso seinen Platz finden soll wie am Konferenztisch. „Floy kam zur richtigen Zeit zu uns und ergänzt unser Produktportfolio gerade im Objektbereich bestens“, sagt Lübke.
Bis dahin war einiges an Arbeit nötig. Aisslinger entwickelte in seinem Berliner Studio die Form, experimentierte unter anderem mit Sitzschalen aus dem 3D-Drucker. In Rheda-Wiedenbrück kümmerte sich das COR-Team um die serienfähige Konstruktion. Materialien, Fertigung, Kosten – das ganze Programm. Denn auch bei einer Designmarke wie COR gilt: Schön allein reicht nicht. Das Produkt muss am Ende industriell funktionieren.
Dass COR auf der Orgatec nicht mit dem nächsten klassischen Arbeitsdrehstuhl um die Ecke kommt, überrascht wenig. Schreibtische und komplette Arbeitsplatzsysteme überlässt man anderen. Die eigene Stärke liegt im gepolsterten Sitzen. Und dafür eröffnen sich gerade im Objektgeschäft zusätzliche Einsatzfelder. Schließlich sollen Büros heute nicht mehr aussehen wie Büros von gestern. Lounges, Besprechungszonen, informelle Treffpunkte – alles Bereiche, in denen sich Wohn- und Arbeitswelten zunehmend überschneiden.
COR ist dabei keineswegs neu im Geschäft. Zu den Referenzen gehören unter anderem Projekte für LEGO in Boston und Fielmann in Hamburg. Auch international ist die Marke unterwegs. Floy ergänzt nun eine Kollektion, mit der Lübke die gewachsene Polstermöbelkompetenz seines Unternehmens auch jenseits des klassischen Wohnens ausspielt. Nicht als Büromöbelhersteller im herkömmlichen Sinne. Sondern als Einrichter für Räume, in denen gearbeitet, gesprochen und eben auch bequem gesessen wird.
Am ersten Messetag der Orgatec hat sich furnomics mit Werner Aisslinger am COR-Stand in Köln getroffen. Es ging um Floy, die Zusammenarbeit mit Leo Lübke und die wirtschaftlichen Grenzen guten Designs. Aber auch um die Zukunft des Büros. Und da vertritt Aisslinger eine These, die auf einer Büromöbelmesse durchaus für Diskussionen sorgen dürfte.
furnomics: Herr Aisslinger, Sie stellen auf der Orgatec einen neuen Stuhl vor und erklären gleichzeitig, dass die Hochzeit des klassischen Bürodrehstuhls vorbei ist. Schaffen Sie gerade eine ganze Möbelkategorie ab?
Werner Aisslinger: Nein, die wird es natürlich weiterhin geben. Aber ich glaube schon, dass der klassische Drehstuhl eine auslaufende Typologie ist. Die Arbeitswelt verändert sich. Man sitzt nicht mehr unbedingt acht Stunden an einem festen Arbeitsplatz, sondern wechselt zwischen unterschiedlichen Situationen. Mal arbeitet man auf dem Sofa, dann an einem Tisch oder an der Bar. Arbeiten ist heute viel fluider. Dafür braucht es andere Sitzmöbel, die gemütlicher und wohnlicher sein dürfen.
furnomics: Das klingt nach einer Arbeitswelt, die sich längst nicht jedes Unternehmen leisten kann.
Werner Aisslinger: Natürlich gibt es weiterhin klassische Arbeitsplätze. Wenn jemand acht Stunden am Tag in einem Callcenter sitzt, sieht die Realität anders aus. Und es gibt Arbeitsplätze, an denen ein ergonomischer Drehstuhl erforderlich ist. Aber ich sehe eben auch die andere Entwicklung. Wir machen mit unserem Büro viele Coworking-Spaces, Hotels und andere Arbeitsumgebungen. Dort geht es längst nicht mehr darum, Menschen an einem festen Platz unterzubringen. Man versucht, unterschiedliche Situationen und Atmosphären anzubieten.
furnomics: Sie sprechen von einer auslaufenden Typologie. Ist das nicht etwas voreilig?
Werner Aisslinger: Ich war vor etwa acht Jahren mit einem französischen Start-up im Silicon Valley unterwegs. Wir haben rund 20 Technologieunternehmen besucht, darunter Google und Facebook. Dort wurde über die klassischen Bürostühle schon damals eher abfällig gesprochen. Die nutzten vor allem noch die Techniker und Programmierer. Viele andere arbeiteten längst mit Laptops, an Steharbeitsplätzen oder an ganz unterschiedlichen Orten im Gebäude. Das war damals schon eine völlig dynamische Arbeitswelt. Ich glaube nicht, dass sich diese Entwicklung inzwischen umgekehrt hat.
furnomics: Die Wirklichkeit in vielen deutschen Büros sieht allerdings noch ziemlich anders aus.
Werner Aisslinger: Sicher. Aber gerade Unternehmen, die ihre Mitarbeiter wieder aus dem Homeoffice zurückholen wollen, müssen ihnen etwas anbieten. Man kann natürlich die Homeoffice-Möglichkeiten einschränken. Aber man kann auch eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in der sich die Menschen wohlfühlen. Eine Umgebung, die nicht an die Legebatterien der achtziger Jahre erinnert. Ich bin ein großer Anhänger dieser Softwork-Denke. Arbeiten muss nicht mehr mit maschinenartigen Möbeln stattfinden.
furnomics: Und Floy soll der Gegenentwurf sein?
Werner Aisslinger: Ich glaube schon, dass Floy gut in diese neuen Arbeitswelten passt. Er wird keinen normgerechten Arbeitsdrehstuhl ersetzen. Das ist auch gar nicht seine Aufgabe. Aber er kann dort eingesetzt werden, wo man heute arbeitet, sich bespricht, zusammensitzt oder auch einmal länger am Tisch bleibt. Und gleichzeitig funktioniert er zu Hause am Esstisch. Genau diese Verbindung war die Idee.
furnomics: Ein Stuhl für den privaten Esstisch und den Konferenzraum. Das klingt zunächst nach einem Kompromiss. Beide Märkte haben schließlich unterschiedliche Anforderungen.
Werner Aisslinger: Für mich ist das gar kein so großer Widerspruch. Wenn wir vor 20 Jahren hier sitzen würden, hätte ich vielleicht noch gesagt: Ich bin Produktdesigner und betrachte das Produkt als Skulptur. Heute habe ich einen anderen Blickwinkel. Wir haben neben dem Designbüro auch ein Büro für Innenarchitektur und realisieren internationale Projekte, vor allem im Hospitality-Bereich. Aktuell arbeiten wir in elf Ländern, insgesamt waren wir schon in 20 Ländern unterwegs. Da gehören Hotels, Restaurants, Bars und Coworking-Spaces zum Alltag. Ich habe diese Contract-Perspektive also ohnehin im Kopf. Gleichzeitig machen wir auch private Projekte. Und COR bewegt sich ebenfalls in beiden Welten. Insofern passt das gut zusammen.
furnomics: Sie sagen das so einfach. Dabei soll der Stuhl möglichst vielen Anforderungen gerecht werden und trotzdem eine eigene gestalterische Handschrift haben.
Werner Aisslinger: Ich bin ja auch schon ein alter Hase. Ich beobachte den Markt seit vielen Jahren und habe ein Gefühl dafür entwickelt, was funktioniert, was modisch ist und was länger Bestand haben kann. Mich interessiert, ob man einen Archetypen schaffen kann. Also ein Produkt, das sich auf das Wesentliche konzentriert und nicht nur ein modisches Kind seiner Zeit ist. Natürlich kann sich kein Designer vollständig aus seiner Zeit herausnehmen. Die großen gestalterischen Strömungen beeinflussen einen immer. Aber man kann versuchen, etwas herauszuarbeiten, das darüber hinaus Bestand hat.
furnomics: Ein neuer Archetyp? Davon kann es per Definition eigentlich nicht besonders viele geben. Der Möbelmarkt verlangt trotzdem ständig nach neuen Produkten.
Werner Aisslinger: Das stimmt. Und natürlich muss sich ein Produkt erst einmal im Markt bewähren, bevor man es irgendwann einen Klassiker nennen kann. Aber ein Archetyp muss nicht zwangsläufig minimalistisch oder vom Bauhaus geprägt sein. Er kann auch weich und bequem sein. Bei Floy haben wir sehr großzügige, weiche Formen. Gleichzeitig gibt es eine klare Linienführung, gerade Linien, die Teilung im Rücken und eine bestimmte Zonierung der Polsterung. Das ist nicht zufällig entstanden, sondern folgt einer ziemlich stringenten Geometrie.
furnomics: Was wäre dann der Idealfall?
Werner Aisslinger: Wenn jemand, der sich mit Möbeldesign gar nicht beschäftigt, den Stuhl sieht und fragt: Gibt es den nicht schon immer? Und jemand anderes sagt: Nein, der ist ganz neu. Also ein Produkt, das so selbstverständlich wirkt, als hätte es schon lange existieren können. Aber bisher hat es eben noch niemand gemacht.
furnomics: Die gestalterische Idee ist das eine. Ein Hersteller muss sie anschließend in ein Produkt übersetzen, das sich fertigen und verkaufen lässt. Wie viel von der ursprünglichen Idee bleibt dabei übrig?
Werner Aisslinger: Das hängt stark von der Zusammenarbeit ab. Bei Floy waren es zwei intensive Jahre Entwicklung. Meine Aufgabe war, darauf zu achten, dass die ursprüngliche Ästhetik und die Stimmung des Entwurfs nicht verloren gehen. COR musste gleichzeitig sicherstellen, dass Konstruktion, Ergonomie, Machbarkeit und Kosten funktionieren. Das ist ein ständiges Pingpong. Es war nicht so, dass man einen Entwurf abgibt und zwei Jahre später steht der fertige Stuhl da. Wir haben sehr intensiv miteinander gearbeitet.
furnomics: Zwei Jahre für einen Stuhl. Was macht die Entwicklung so aufwendig?
Werner Aisslinger: Es kommen viele Dinge zusammen. Jede Firma hat andere Maschinen, andere Fertigkeiten, andere Mitarbeiter und andere Möglichkeiten. Als Designer muss man verstehen, wie ein Hersteller arbeitet. Was macht er selbst? Welche Teile werden zugeliefert? Welche Kompetenzen sind vorhanden? Daraus ergeben sich bestimmte Möglichkeiten, aber natürlich auch Grenzen.
furnomics: Grenzen, die Sie als Designer akzeptieren müssen.
Werner Aisslinger: Natürlich. Aber ich gehe auch nicht völlig naiv in solche Projekte. Ich habe über Jahrzehnte Erfahrung in der Produktentwicklung gesammelt. Ich weiß ungefähr, mit welchen Verfahren und Konstruktionen sich eine Idee umsetzen lässt. Und ich kenne mich auch einigermaßen mit Werkzeug- und Materialkosten aus. Ich würde einer Marke wie COR keinen Entwurf präsentieren, bei dem ich selbst keine Vorstellung habe, wie man ihn überhaupt bauen könnte.
furnomics: Ein Designer, der schon vor dem ersten Entwurf an die Produktionskosten denkt. Ist das nicht ziemlich unromantisch?
Werner Aisslinger: Ich halte das eher für sinnvoll. Man muss wissen, wo man etwas Besonderes entwickeln will und wo man vorhandene Komponenten nutzen kann. Nehmen wir eine Rolle für einen Stuhl. Die muss ich nicht für jedes neue Produkt erfinden. COR arbeitet mit entsprechenden Zulieferern zusammen. Also schaut man, welche vorhandene Komponente zum Entwurf passt. Ich könnte natürlich darauf bestehen, eine eigene Rolle zu gestalten. Aber warum sollte ich das tun, wenn es unnötigen Aufwand verursacht? So etwas würde ich Leo Lübke gar nicht erst vorschlagen. Man muss als Produktdesigner auch clever mit Komponenten umgehen.
furnomics: Am Ende muss der Stuhl schließlich auch eine Marge erwirtschaften.
Werner Aisslinger: Genau. Deshalb muss man Kompromisse machen. Aber entscheidend ist, dass dabei die ursprüngliche Idee nicht verloren geht. Das war bei COR wirklich gut gelöst. Wir haben über die gesamte Entwicklungszeit intensiv miteinander gearbeitet und immer wieder gemeinsam nach Lösungen gesucht.
furnomics: Das klingt, als wäre eine solche Zusammenarbeit nicht selbstverständlich.
Werner Aisslinger: Ist sie auch nicht. Es gibt Kooperationen, bei denen man seinen Entwurf abgibt und der Hersteller dann etwas daraus macht. Ich habe das teilweise in Italien erlebt. Man hat als Designer irgendwann kaum noch Zugriff auf das eigene Projekt. Am Ende sieht das Produkt anders aus als ursprünglich gedacht, aber der eigene Name steht weiterhin darauf. Das ist natürlich nicht ideal.
furnomics: Zurück zum Büro. Wenn Ihre These stimmt und Menschen künftig stärker zwischen unterschiedlichen Arbeitsplätzen wechseln, verändert sich auch das Geschäft der Büromöbelhersteller. Braucht der Markt dann überhaupt noch so viele spezialisierte Bürostühle?
Werner Aisslinger: Ich glaube, dass Arbeiten insgesamt wohnlicher wird. Die klassischen Arbeitsdrehstühle werden nicht vollständig verschwinden, dafür gibt es weiterhin entsprechende Tätigkeiten und Anforderungen. Aber daneben entsteht eine andere Welt. Menschen wechseln ihre Positionen, arbeiten auf dem Sofa, an höheren Tischen oder in informellen Besprechungssituationen. Und dafür muss man nicht ständig neue maschinenartige Möbel entwickeln. Ich finde, dass ein Stuhl heute viel stärker eine wohnliche Atmosphäre schaffen darf. Gerade weil die Grenzen zwischen Arbeiten und Wohnen ohnehin fließender geworden sind.
furnomics: Dann konkurriert der Bürostuhl künftig mit dem Sofa?
Werner Aisslinger: In gewisser Weise schon. Aber es geht nicht darum, einen Stuhl einfach durch ein Sofa zu ersetzen. Es geht um unterschiedliche Möglichkeiten, wie man arbeitet. Man sitzt eben nicht mehr den ganzen Tag in derselben Position. Das finde ich viel zeitgemäßer.
furnomics: Und Unternehmen, die ihre Mitarbeiter zurück ins Büro holen wollen, sollten besser in Sofas als in Anwesenheitspflichten investieren?
Werner Aisslinger: Man muss den Leuten etwas anbieten. Natürlich kann ein Unternehmen versuchen, die Rückkehr ins Büro über Regeln durchzusetzen. Aber die andere Möglichkeit ist, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sich die Menschen gerne aufhalten. Eine freundliche, gemütliche Atmosphäre, die nicht mehr so aussieht wie die klassischen Bürolandschaften früherer Jahrzehnte.
furnomics: Die Legebatterie hat also ausgedient?
Werner Aisslinger: Ich hoffe jedenfalls, dass wir davon wegkommen. Arbeiten muss nicht mehr so aussehen wie in den achtziger Jahren. Und dafür braucht es eben auch andere Möbel.
Werner Aisslinger im Interview
„Die Hochzeit der Drehstühle ist vorbei“

COR will im Objektgeschäft weiter Boden gutmachen. Die Orgatec 2026 liefert dafür die passende Bühne. Denn der Polstermöbelhersteller aus Rheda-Wiedenbrück hat längst mehr im Blick als das private Wohnzimmer. Büros, Hotels, Konferenzräume – überall dort, wo es wohnlicher werden soll, sieht sich COR mit seiner Kollektion gut aufgestellt. Gut ein Viertel des Umsatzes kommt inzwischen aus dem Objektgeschäft. Das ist längst mehr als ein nettes Zusatzgeschäft. Zumal der klassische Wohnmöbelmarkt bekanntlich alles andere als in Feierlaune ist.
Leo Lübke treibt das Thema weiter voran. Für die jüngste Neuheit hat sich der geschäftsführende Gesellschafter Werner Aisslinger an die Seite geholt. Die beiden kennen sich schon lange, ein gemeinsames Sitzmöbel gab es bislang allerdings nicht. Der Anstoß kam auf der Orgatec 2024. Zwei Jahre später steht Floy im Programm. Ein Stuhl, der am privaten Esstisch ebenso seinen Platz finden soll wie am Konferenztisch. „Floy kam zur richtigen Zeit zu uns und ergänzt unser Produktportfolio gerade im Objektbereich bestens“, sagt Lübke.
Bis dahin war einiges an Arbeit nötig. Aisslinger entwickelte in seinem Berliner Studio die Form, experimentierte unter anderem mit Sitzschalen aus dem 3D-Drucker. In Rheda-Wiedenbrück kümmerte sich das COR-Team um die serienfähige Konstruktion. Materialien, Fertigung, Kosten – das ganze Programm. Denn auch bei einer Designmarke wie COR gilt: Schön allein reicht nicht. Das Produkt muss am Ende industriell funktionieren.
Dass COR auf der Orgatec nicht mit dem nächsten klassischen Arbeitsdrehstuhl um die Ecke kommt, überrascht wenig. Schreibtische und komplette Arbeitsplatzsysteme überlässt man anderen. Die eigene Stärke liegt im gepolsterten Sitzen. Und dafür eröffnen sich gerade im Objektgeschäft zusätzliche Einsatzfelder. Schließlich sollen Büros heute nicht mehr aussehen wie Büros von gestern. Lounges, Besprechungszonen, informelle Treffpunkte – alles Bereiche, in denen sich Wohn- und Arbeitswelten zunehmend überschneiden.
COR ist dabei keineswegs neu im Geschäft. Zu den Referenzen gehören unter anderem Projekte für LEGO in Boston und Fielmann in Hamburg. Auch international ist die Marke unterwegs. Floy ergänzt nun eine Kollektion, mit der Lübke die gewachsene Polstermöbelkompetenz seines Unternehmens auch jenseits des klassischen Wohnens ausspielt. Nicht als Büromöbelhersteller im herkömmlichen Sinne. Sondern als Einrichter für Räume, in denen gearbeitet, gesprochen und eben auch bequem gesessen wird.
Am ersten Messetag der Orgatec hat sich furnomics mit Werner Aisslinger am COR-Stand in Köln getroffen. Es ging um Floy, die Zusammenarbeit mit Leo Lübke und die wirtschaftlichen Grenzen guten Designs. Aber auch um die Zukunft des Büros. Und da vertritt Aisslinger eine These, die auf einer Büromöbelmesse durchaus für Diskussionen sorgen dürfte.
furnomics: Herr Aisslinger, Sie stellen auf der Orgatec einen neuen Stuhl vor und erklären gleichzeitig, dass die Hochzeit des klassischen Bürodrehstuhls vorbei ist. Schaffen Sie gerade eine ganze Möbelkategorie ab?
Werner Aisslinger: Nein, die wird es natürlich weiterhin geben. Aber ich glaube schon, dass der klassische Drehstuhl eine auslaufende Typologie ist. Die Arbeitswelt verändert sich. Man sitzt nicht mehr unbedingt acht Stunden an einem festen Arbeitsplatz, sondern wechselt zwischen unterschiedlichen Situationen. Mal arbeitet man auf dem Sofa, dann an einem Tisch oder an der Bar. Arbeiten ist heute viel fluider. Dafür braucht es andere Sitzmöbel, die gemütlicher und wohnlicher sein dürfen.
furnomics: Das klingt nach einer Arbeitswelt, die sich längst nicht jedes Unternehmen leisten kann.
Werner Aisslinger: Natürlich gibt es weiterhin klassische Arbeitsplätze. Wenn jemand acht Stunden am Tag in einem Callcenter sitzt, sieht die Realität anders aus. Und es gibt Arbeitsplätze, an denen ein ergonomischer Drehstuhl erforderlich ist. Aber ich sehe eben auch die andere Entwicklung. Wir machen mit unserem Büro viele Coworking-Spaces, Hotels und andere Arbeitsumgebungen. Dort geht es längst nicht mehr darum, Menschen an einem festen Platz unterzubringen. Man versucht, unterschiedliche Situationen und Atmosphären anzubieten.
furnomics: Sie sprechen von einer auslaufenden Typologie. Ist das nicht etwas voreilig?
Werner Aisslinger: Ich war vor etwa acht Jahren mit einem französischen Start-up im Silicon Valley unterwegs. Wir haben rund 20 Technologieunternehmen besucht, darunter Google und Facebook. Dort wurde über die klassischen Bürostühle schon damals eher abfällig gesprochen. Die nutzten vor allem noch die Techniker und Programmierer. Viele andere arbeiteten längst mit Laptops, an Steharbeitsplätzen oder an ganz unterschiedlichen Orten im Gebäude. Das war damals schon eine völlig dynamische Arbeitswelt. Ich glaube nicht, dass sich diese Entwicklung inzwischen umgekehrt hat.
furnomics: Die Wirklichkeit in vielen deutschen Büros sieht allerdings noch ziemlich anders aus.
Werner Aisslinger: Sicher. Aber gerade Unternehmen, die ihre Mitarbeiter wieder aus dem Homeoffice zurückholen wollen, müssen ihnen etwas anbieten. Man kann natürlich die Homeoffice-Möglichkeiten einschränken. Aber man kann auch eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in der sich die Menschen wohlfühlen. Eine Umgebung, die nicht an die Legebatterien der achtziger Jahre erinnert. Ich bin ein großer Anhänger dieser Softwork-Denke. Arbeiten muss nicht mehr mit maschinenartigen Möbeln stattfinden.
furnomics: Und Floy soll der Gegenentwurf sein?
Werner Aisslinger: Ich glaube schon, dass Floy gut in diese neuen Arbeitswelten passt. Er wird keinen normgerechten Arbeitsdrehstuhl ersetzen. Das ist auch gar nicht seine Aufgabe. Aber er kann dort eingesetzt werden, wo man heute arbeitet, sich bespricht, zusammensitzt oder auch einmal länger am Tisch bleibt. Und gleichzeitig funktioniert er zu Hause am Esstisch. Genau diese Verbindung war die Idee.
furnomics: Ein Stuhl für den privaten Esstisch und den Konferenzraum. Das klingt zunächst nach einem Kompromiss. Beide Märkte haben schließlich unterschiedliche Anforderungen.
Werner Aisslinger: Für mich ist das gar kein so großer Widerspruch. Wenn wir vor 20 Jahren hier sitzen würden, hätte ich vielleicht noch gesagt: Ich bin Produktdesigner und betrachte das Produkt als Skulptur. Heute habe ich einen anderen Blickwinkel. Wir haben neben dem Designbüro auch ein Büro für Innenarchitektur und realisieren internationale Projekte, vor allem im Hospitality-Bereich. Aktuell arbeiten wir in elf Ländern, insgesamt waren wir schon in 20 Ländern unterwegs. Da gehören Hotels, Restaurants, Bars und Coworking-Spaces zum Alltag. Ich habe diese Contract-Perspektive also ohnehin im Kopf. Gleichzeitig machen wir auch private Projekte. Und COR bewegt sich ebenfalls in beiden Welten. Insofern passt das gut zusammen.
furnomics: Sie sagen das so einfach. Dabei soll der Stuhl möglichst vielen Anforderungen gerecht werden und trotzdem eine eigene gestalterische Handschrift haben.
Werner Aisslinger: Ich bin ja auch schon ein alter Hase. Ich beobachte den Markt seit vielen Jahren und habe ein Gefühl dafür entwickelt, was funktioniert, was modisch ist und was länger Bestand haben kann. Mich interessiert, ob man einen Archetypen schaffen kann. Also ein Produkt, das sich auf das Wesentliche konzentriert und nicht nur ein modisches Kind seiner Zeit ist. Natürlich kann sich kein Designer vollständig aus seiner Zeit herausnehmen. Die großen gestalterischen Strömungen beeinflussen einen immer. Aber man kann versuchen, etwas herauszuarbeiten, das darüber hinaus Bestand hat.
furnomics: Ein neuer Archetyp? Davon kann es per Definition eigentlich nicht besonders viele geben. Der Möbelmarkt verlangt trotzdem ständig nach neuen Produkten.
Werner Aisslinger: Das stimmt. Und natürlich muss sich ein Produkt erst einmal im Markt bewähren, bevor man es irgendwann einen Klassiker nennen kann. Aber ein Archetyp muss nicht zwangsläufig minimalistisch oder vom Bauhaus geprägt sein. Er kann auch weich und bequem sein. Bei Floy haben wir sehr großzügige, weiche Formen. Gleichzeitig gibt es eine klare Linienführung, gerade Linien, die Teilung im Rücken und eine bestimmte Zonierung der Polsterung. Das ist nicht zufällig entstanden, sondern folgt einer ziemlich stringenten Geometrie.
furnomics: Was wäre dann der Idealfall?
Werner Aisslinger: Wenn jemand, der sich mit Möbeldesign gar nicht beschäftigt, den Stuhl sieht und fragt: Gibt es den nicht schon immer? Und jemand anderes sagt: Nein, der ist ganz neu. Also ein Produkt, das so selbstverständlich wirkt, als hätte es schon lange existieren können. Aber bisher hat es eben noch niemand gemacht.
furnomics: Die gestalterische Idee ist das eine. Ein Hersteller muss sie anschließend in ein Produkt übersetzen, das sich fertigen und verkaufen lässt. Wie viel von der ursprünglichen Idee bleibt dabei übrig?
Werner Aisslinger: Das hängt stark von der Zusammenarbeit ab. Bei Floy waren es zwei intensive Jahre Entwicklung. Meine Aufgabe war, darauf zu achten, dass die ursprüngliche Ästhetik und die Stimmung des Entwurfs nicht verloren gehen. COR musste gleichzeitig sicherstellen, dass Konstruktion, Ergonomie, Machbarkeit und Kosten funktionieren. Das ist ein ständiges Pingpong. Es war nicht so, dass man einen Entwurf abgibt und zwei Jahre später steht der fertige Stuhl da. Wir haben sehr intensiv miteinander gearbeitet.
furnomics: Zwei Jahre für einen Stuhl. Was macht die Entwicklung so aufwendig?
Werner Aisslinger: Es kommen viele Dinge zusammen. Jede Firma hat andere Maschinen, andere Fertigkeiten, andere Mitarbeiter und andere Möglichkeiten. Als Designer muss man verstehen, wie ein Hersteller arbeitet. Was macht er selbst? Welche Teile werden zugeliefert? Welche Kompetenzen sind vorhanden? Daraus ergeben sich bestimmte Möglichkeiten, aber natürlich auch Grenzen.
furnomics: Grenzen, die Sie als Designer akzeptieren müssen.
Werner Aisslinger: Natürlich. Aber ich gehe auch nicht völlig naiv in solche Projekte. Ich habe über Jahrzehnte Erfahrung in der Produktentwicklung gesammelt. Ich weiß ungefähr, mit welchen Verfahren und Konstruktionen sich eine Idee umsetzen lässt. Und ich kenne mich auch einigermaßen mit Werkzeug- und Materialkosten aus. Ich würde einer Marke wie COR keinen Entwurf präsentieren, bei dem ich selbst keine Vorstellung habe, wie man ihn überhaupt bauen könnte.
furnomics: Ein Designer, der schon vor dem ersten Entwurf an die Produktionskosten denkt. Ist das nicht ziemlich unromantisch?
Werner Aisslinger: Ich halte das eher für sinnvoll. Man muss wissen, wo man etwas Besonderes entwickeln will und wo man vorhandene Komponenten nutzen kann. Nehmen wir eine Rolle für einen Stuhl. Die muss ich nicht für jedes neue Produkt erfinden. COR arbeitet mit entsprechenden Zulieferern zusammen. Also schaut man, welche vorhandene Komponente zum Entwurf passt. Ich könnte natürlich darauf bestehen, eine eigene Rolle zu gestalten. Aber warum sollte ich das tun, wenn es unnötigen Aufwand verursacht? So etwas würde ich Leo Lübke gar nicht erst vorschlagen. Man muss als Produktdesigner auch clever mit Komponenten umgehen.
furnomics: Am Ende muss der Stuhl schließlich auch eine Marge erwirtschaften.
Werner Aisslinger: Genau. Deshalb muss man Kompromisse machen. Aber entscheidend ist, dass dabei die ursprüngliche Idee nicht verloren geht. Das war bei COR wirklich gut gelöst. Wir haben über die gesamte Entwicklungszeit intensiv miteinander gearbeitet und immer wieder gemeinsam nach Lösungen gesucht.
furnomics: Das klingt, als wäre eine solche Zusammenarbeit nicht selbstverständlich.
Werner Aisslinger: Ist sie auch nicht. Es gibt Kooperationen, bei denen man seinen Entwurf abgibt und der Hersteller dann etwas daraus macht. Ich habe das teilweise in Italien erlebt. Man hat als Designer irgendwann kaum noch Zugriff auf das eigene Projekt. Am Ende sieht das Produkt anders aus als ursprünglich gedacht, aber der eigene Name steht weiterhin darauf. Das ist natürlich nicht ideal.
furnomics: Zurück zum Büro. Wenn Ihre These stimmt und Menschen künftig stärker zwischen unterschiedlichen Arbeitsplätzen wechseln, verändert sich auch das Geschäft der Büromöbelhersteller. Braucht der Markt dann überhaupt noch so viele spezialisierte Bürostühle?
Werner Aisslinger: Ich glaube, dass Arbeiten insgesamt wohnlicher wird. Die klassischen Arbeitsdrehstühle werden nicht vollständig verschwinden, dafür gibt es weiterhin entsprechende Tätigkeiten und Anforderungen. Aber daneben entsteht eine andere Welt. Menschen wechseln ihre Positionen, arbeiten auf dem Sofa, an höheren Tischen oder in informellen Besprechungssituationen. Und dafür muss man nicht ständig neue maschinenartige Möbel entwickeln. Ich finde, dass ein Stuhl heute viel stärker eine wohnliche Atmosphäre schaffen darf. Gerade weil die Grenzen zwischen Arbeiten und Wohnen ohnehin fließender geworden sind.
furnomics: Dann konkurriert der Bürostuhl künftig mit dem Sofa?
Werner Aisslinger: In gewisser Weise schon. Aber es geht nicht darum, einen Stuhl einfach durch ein Sofa zu ersetzen. Es geht um unterschiedliche Möglichkeiten, wie man arbeitet. Man sitzt eben nicht mehr den ganzen Tag in derselben Position. Das finde ich viel zeitgemäßer.
furnomics: Und Unternehmen, die ihre Mitarbeiter zurück ins Büro holen wollen, sollten besser in Sofas als in Anwesenheitspflichten investieren?
Werner Aisslinger: Man muss den Leuten etwas anbieten. Natürlich kann ein Unternehmen versuchen, die Rückkehr ins Büro über Regeln durchzusetzen. Aber die andere Möglichkeit ist, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sich die Menschen gerne aufhalten. Eine freundliche, gemütliche Atmosphäre, die nicht mehr so aussieht wie die klassischen Bürolandschaften früherer Jahrzehnte.
furnomics: Die Legebatterie hat also ausgedient?
Werner Aisslinger: Ich hoffe jedenfalls, dass wir davon wegkommen. Arbeiten muss nicht mehr so aussehen wie in den achtziger Jahren. Und dafür braucht es eben auch andere Möbel.






