Vom juristischen Akt zur Methode
Salone startet Begriffsarbeit für Contract 2027

Am 22. April 2026, kurz vor Mittag, eröffnete in der Drafting Futures Arena in Pavillon 14 die erste Runde des Salone Contract Forum: „Contract Sector Opportunities in a Transforming Industry". Moderiert von Ed Stocker, Europe Editor at Large von Monocle, brachte in einer Stunde fünf Stimmen zusammen, die den Sektor aus sehr verschiedenen Höhenlagen sehen: David Gianotten (Managing Partner, OMA), Luca Palermo (CEO FederlegnoArredo Eventi, Veranstalter des Salone del Mobile.Milano), Lorenza Baroncelli (Direktorin Architektur und Zeitgenössisches Design, MAXXI Rom), Daniele Tamborini (Eco-Design-Berater und Dozent am Politecnico di Milano) sowie Gwenaël Nicolas (Gründer des Studios Curiosity, Tokio). Der konzeptionelle Boden war damit weit gespannt — von der Architekturpraxis über die Messelogik bis zur Museumskuratierung, von Eco-Design-Lehre bis zur Designer-Sicht aus Asien.
Das Panel war der Auftakt einer Doppelveranstaltung; am Nachmittag folgten Rem Koolhaas' Lecture sowie die Vorstellung des Salone-Contract-Masterplans 2027 durch Gianotten und das Schluss-Roundtable „Common Ground Among the Pillars of the Contract Ecosystem" (siehe gesonderter Bericht). Der Vormittag legte die Begriffsarbeit vor — und genau dort lag seine Substanz.
Contract als Methodologie, nicht als Auftragstyp
Gianotten setzte den Ton mit einer für ihn typischen Verschiebung: Contract sei für OMA längst keine Auftragskategorie mehr, sondern eine Arbeitsweise. Inzwischen entstammten 60 bis 70 Prozent der Projekte des Büros — speziell im kulturellen und institutionellen Bereich — diesem Modus. Die Größenordnungen reichen vom Einzelprojekt mit ein paar tausend Quadratmetern (genannt wurde das Atelier in Amsterdam, gemeint ist das Studio-Gebäude im Stadtteil Houthavens) bis zu eineinhalb Millionen Quadratmetern auf einen Schlag — eine „miniature city". Längstes Beispiel: Potato Head (Bali), seit über zwölf Jahren laufend, mit einem Horizont auf weitere fünfzig.
Methodisch folgt daraus, dass Innenausstattung nicht mehr nachgelagert geplant wird, sondern dass Oberflächen, Nachhaltigkeit, Langlebigkeit, Lebenszyklus und das, was nach dem Lebenszyklus kommt, in die konzeptionelle Phase rücken. Hersteller und Nutzer werden vom ersten Tag an Teil des Designprozesses. Damit, so Gianotten, sei Contract weniger eine Frage von Volumen oder Honorar als eine Frage des Denkmusters. Diese Verschiebung der Definition zog sich als Leitmotiv durch das Panel — und kollidierte gleich mehrfach mit gängigen Annahmen.
Missverständnisse, die der Salone ausräumen will
Palermo nutzte seinen Slot für eine doppelte Korrektur. Erstens: Salone ändere sich nicht, Salone „evolviere“ — eine semantische Vorsicht, die in einem Haus mit über sechzig Edition durchaus Tradition hat. Zweitens, und inhaltlich ergiebiger: Der Begriff Contract werde im Sektor systematisch missverstanden. Erstes Missverständnis: Contract sei gleich Hospitality. Tatsächlich umfasse das Feld auch Public Spaces, Offices und Nautik — Hospitality sei nur das sichtbarste Segment. Zweites Missverständnis: Contract sei ein Volumen-Spiel zu niedrigen Preisen. Wer einmal ein Vier-Sterne-Hotel in der Golf-Region oder ein neues Finanzgebäude in New York gesehen habe, wisse, dass das Gegenteil zutrifft. Drittes, und für Hersteller das relevanteste Missverständnis: „Ich produziere ein gutes Möbel, also bin ich bereit für Contract." Auch das, so Palermo, sei ein Kategorienfehler. Contract sei Service, Ökosystem, Kompetenzbündelung — nicht der nächste Vertriebskanal für ein gutes Produkt.
Mit knapp 1.900 Ausstellern in der Edition 2026 und einer Prognose von über 2.000 für 2027 sieht der Salone hier seine Verantwortung: nicht jede Firma sei für Contract gerüstet, viele aber befänden sich in einer Übergangsphase. Die Aufgabe der Messe sei, dieser Übergangsphase eine Bühne zu geben — und das Format selbst entsprechend umzubauen. Konkret: Die klassische Quadratmeter-Standlogik soll, gemeinsam mit OMA, in eine kollaborativere Räumlichkeit überführt werden, in der die Trennung zwischen Aussteller und Besucher zugunsten gemeinsamen Schaffens aufgeweicht wird. Der Salone, gewissermaßen, wendet seine eigene Lehre über Contract auf sein eigenes Produkt an.
Eldorado mit Lernkurve: der Designer-Blick aus Tokio
Nicolas brachte die vermutlich pointierteste Beobachtung des Panels ein. Aus der Perspektive eines kleinen Studios, das primär Retail- und Hospitality-Projekte verantworte, sei Contract ein neues Spielfeld — er griff auf den Begriff „bespoke" zurück, weil ihm der englische Contract-Term semantisch zu schmal vorkommt. Was im Salone an Produkten gezeigt werde, sei nicht einmal ein Prozent des Know-hows, das in den Herstellerunternehmen schlummere. Wer als Designer ein Contract-Projekt anstoße, bringe ein Konzept zu einer Firma — und finde sich dann auf einer Lernkurve wieder, die er mit einem Bild beschrieb: „Wie wenn man sein eigenes Auto bauen wollte und am nächsten Tag in einem Formula-One-Team arbeitet. Da merkst du: meine Expertise ist mikroskopisch, das Potenzial ist exponentiell."
Aus dieser Lernkurve ergebe sich für ihn die strukturelle Attraktivität des Contract-Modus. Designer arbeiten hier nicht im Trend-Takt, sondern im Fünf- bis Zehn-Jahres-Horizont; ein Stuhl, dessen Technologie heute noch nicht existiert, kann Teil eines Projekts sein, weil das Projekt ohnehin erst in fünf Jahren steht. „Eldorado" nannte er das — weil der Designer hier Kontrolle hat, ohne den Druck, dem Markttempo zu folgen. Eine Bemerkung, die im Saal seltsam unwidersprochen blieb, obwohl sie eine klare These über Machtverhältnisse zwischen Designer und Industrie enthielt.
„Broccoli Architecture" — Nachhaltigkeit als System, nicht als Etikett
Tamborini übersetzte die Debatte ins Eco-Design-Vokabular. Nachhaltigkeit heiße nicht, ein recyceltes Material zu verbauen oder einen späteren Reuse zu deklarieren — sondern den gesamten Pfad zu denken: Ressource, Material, Komponente, Produkt, Distribution, Nutzung, Lebensende. Mietmodelle für Innenräume, Produktrücknahme, Wiedereinsatz von Komponenten — all das gehöre zu den Hebeln, die der Contract-Modus überhaupt erst handhabbar mache, weil dort mehrere Akteure dauerhaft im Projektzusammenhang verbunden bleiben.
Gianotten ergänzte mit einem Begriff, der Konferenzqualität hat: „Broccoli Architecture" — Gebäude, denen man nachträglich ein grünes Etikett verpasst, ohne dass das System dahinter sich geändert hätte. Nachhaltigkeit sei nicht das Ergebnis, sondern das System hinter dem Ergebnis. Industrie für sich allein könne nur in 5- bis 10-Prozent-Schritten innovieren, weil sie sonst die eigenen Bestandsprodukte entwerte. Contract ermögliche dagegen Sprünge von 50 oder 60 Prozent, weil mehrere Akteure das Innovationsrisiko gemeinsam tragen. Ein bemerkenswert klares Argument für Konsortien — und ein impliziter Hinweis darauf, warum kleine Hersteller dieses Spiel nicht allein gewinnen können.
Krise als Normalzustand — und eine offene Friktion zur Geografie
Baroncelli, die einzige Stimme aus institutioneller Perspektive, stellte die unbequeme Frage: Wenn Architektur zehn Jahre braucht und die Welt sich seit 2008 in einem Dauerlauf von Wirtschafts-, Klima-, Migrations-, Pandemie- und geopolitischen Krisen bewegt — wie kann Contract relevant antworten? Gianottens Replik: Krise sei kein Sonderzustand, sondern menschliche Konstante. Politiker dächten in Zwei- bis Dreijahreshorizonten; das sei ihre Aufgabe. Designer, Hersteller und Auftraggeber jedoch hätten den längeren Atem strukturell eingebaut — und dürften sich nicht in den Kurzfrist-Modus politischer Entscheidungslogiken zwingen lassen. Die Antwort auf Krise sei deshalb nicht Beschleunigung, sondern Vertrauen über lange Strecken.
Genau hier öffnete Baroncelli die einzige offene Friktion der Stunde: Contract werde zu oft als globales Spiel gerahmt. Sie plädierte für das Gegenteil — regionale Wertschöpfung, regionale Lieferketten, regionale Industrie, global verkauft. Europa habe von Olivetti bis heute eine industrielle Erfahrung, die hier ihren technologischen Hebel finden könne, gerade gegenüber den USA, China und Japan. Gianotten konterte ruhig: Globale Skala bedeute, dass weltweit verfügbares Wissen zusammengebracht werde; das Ergebnis bleibe lokal. Eine Differenz, die im Saal nicht aufgelöst, aber sauber benannt wurde.
Beiläufig, aber für die Branchenpresse interessant, war Baroncellis Diagnose der Rollenverschiebung: Magazine hätten ihre alte Funktion als Trendsetter eingebüßt; die antizipative Rolle wandere zu Museen und Messen wie dem Salone, der heute leiste, was Expos früher konnten — Innovation zusammenführen. (Stockers trockener Einwurf „Don't say that, I work for that" sorgte immerhin für einen Lacher.)
Was kleine Hersteller mitnehmen können
Im Schluss richtete Stocker den Blick auf das Publikum: Kleine italienische Designfirmen und Studios, die in den Contract-Sektor wollen — was muss sich bei ihnen ändern? Gianottens Antwort fiel schlanker aus, als die Frage suggerierte: nicht eigentlich die Firma, sondern das Mindset. Wer in Geschäftsfälle, Risiko-Aversion und Größenfragen verharre, scheitere allein an der Komplexität. Wer dagegen den Konsortium-Modus akzeptiere, finde in genau dieser kollaborativen Struktur die Antwort auf die Größenfrage. Junge Generation als Hebel: weil sie die Annahmen der Industrie nicht selbstverständlich mitübernehme. Die schlichteste Reformulierung der Stunde: „Was trage ich zu diesem Environment bei?" — anstelle von „Das ist mein Objekt".
In dieser Verschiebung — vom Objekt zum Beitrag — liegt vermutlich der Kern dessen, was der Salone unter dem Label Contract ab 2027 inszenieren will. Sie ist methodisch, sie ist anstrengend, sie ist für viele Hersteller noch übersetzungsbedürftig. Aber sie hat einen unschätzbaren Vorteil: Sie ist überprüfbar. Wer behauptet, in einem Konsortium zu arbeiten, der arbeitet entweder darin — oder eben nicht.
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Methodisch folgt daraus, dass Innenausstattung nicht mehr nachgelagert geplant wird, sondern dass Oberflächen, Nachhaltigkeit, Langlebigkeit, Lebenszyklus und das, was nach dem Lebenszyklus kommt, in die konzeptionelle Phase rücken. Hersteller und Nutzer werden vom ersten Tag an Teil des Designprozesses. Damit, so Gianotten, sei Contract weniger eine Frage von Volumen oder Honorar als eine Frage des Denkmusters. Diese Verschiebung der Definition zog sich als Leitmotiv durch das Panel — und kollidierte gleich mehrfach mit gängigen Annahmen.
Missverständnisse, die der Salone ausräumen will
Palermo nutzte seinen Slot für eine doppelte Korrektur. Erstens: Salone ändere sich nicht, Salone „evolviere“ — eine semantische Vorsicht, die in einem Haus mit über sechzig Edition durchaus Tradition hat. Zweitens, und inhaltlich ergiebiger: Der Begriff Contract werde im Sektor systematisch missverstanden. Erstes Missverständnis: Contract sei gleich Hospitality. Tatsächlich umfasse das Feld auch Public Spaces, Offices und Nautik — Hospitality sei nur das sichtbarste Segment. Zweites Missverständnis: Contract sei ein Volumen-Spiel zu niedrigen Preisen. Wer einmal ein Vier-Sterne-Hotel in der Golf-Region oder ein neues Finanzgebäude in New York gesehen habe, wisse, dass das Gegenteil zutrifft. Drittes, und für Hersteller das relevanteste Missverständnis: „Ich produziere ein gutes Möbel, also bin ich bereit für Contract." Auch das, so Palermo, sei ein Kategorienfehler. Contract sei Service, Ökosystem, Kompetenzbündelung — nicht der nächste Vertriebskanal für ein gutes Produkt.
Mit knapp 1.900 Ausstellern in der Edition 2026 und einer Prognose von über 2.000 für 2027 sieht der Salone hier seine Verantwortung: nicht jede Firma sei für Contract gerüstet, viele aber befänden sich in einer Übergangsphase. Die Aufgabe der Messe sei, dieser Übergangsphase eine Bühne zu geben — und das Format selbst entsprechend umzubauen. Konkret: Die klassische Quadratmeter-Standlogik soll, gemeinsam mit OMA, in eine kollaborativere Räumlichkeit überführt werden, in der die Trennung zwischen Aussteller und Besucher zugunsten gemeinsamen Schaffens aufgeweicht wird. Der Salone, gewissermaßen, wendet seine eigene Lehre über Contract auf sein eigenes Produkt an.
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Nicolas brachte die vermutlich pointierteste Beobachtung des Panels ein. Aus der Perspektive eines kleinen Studios, das primär Retail- und Hospitality-Projekte verantworte, sei Contract ein neues Spielfeld — er griff auf den Begriff „bespoke" zurück, weil ihm der englische Contract-Term semantisch zu schmal vorkommt. Was im Salone an Produkten gezeigt werde, sei nicht einmal ein Prozent des Know-hows, das in den Herstellerunternehmen schlummere. Wer als Designer ein Contract-Projekt anstoße, bringe ein Konzept zu einer Firma — und finde sich dann auf einer Lernkurve wieder, die er mit einem Bild beschrieb: „Wie wenn man sein eigenes Auto bauen wollte und am nächsten Tag in einem Formula-One-Team arbeitet. Da merkst du: meine Expertise ist mikroskopisch, das Potenzial ist exponentiell."
Aus dieser Lernkurve ergebe sich für ihn die strukturelle Attraktivität des Contract-Modus. Designer arbeiten hier nicht im Trend-Takt, sondern im Fünf- bis Zehn-Jahres-Horizont; ein Stuhl, dessen Technologie heute noch nicht existiert, kann Teil eines Projekts sein, weil das Projekt ohnehin erst in fünf Jahren steht. „Eldorado" nannte er das — weil der Designer hier Kontrolle hat, ohne den Druck, dem Markttempo zu folgen. Eine Bemerkung, die im Saal seltsam unwidersprochen blieb, obwohl sie eine klare These über Machtverhältnisse zwischen Designer und Industrie enthielt.
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Genau hier öffnete Baroncelli die einzige offene Friktion der Stunde: Contract werde zu oft als globales Spiel gerahmt. Sie plädierte für das Gegenteil — regionale Wertschöpfung, regionale Lieferketten, regionale Industrie, global verkauft. Europa habe von Olivetti bis heute eine industrielle Erfahrung, die hier ihren technologischen Hebel finden könne, gerade gegenüber den USA, China und Japan. Gianotten konterte ruhig: Globale Skala bedeute, dass weltweit verfügbares Wissen zusammengebracht werde; das Ergebnis bleibe lokal. Eine Differenz, die im Saal nicht aufgelöst, aber sauber benannt wurde.
Beiläufig, aber für die Branchenpresse interessant, war Baroncellis Diagnose der Rollenverschiebung: Magazine hätten ihre alte Funktion als Trendsetter eingebüßt; die antizipative Rolle wandere zu Museen und Messen wie dem Salone, der heute leiste, was Expos früher konnten — Innovation zusammenführen. (Stockers trockener Einwurf „Don't say that, I work for that" sorgte immerhin für einen Lacher.)
Was kleine Hersteller mitnehmen können
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In dieser Verschiebung — vom Objekt zum Beitrag — liegt vermutlich der Kern dessen, was der Salone unter dem Label Contract ab 2027 inszenieren will. Sie ist methodisch, sie ist anstrengend, sie ist für viele Hersteller noch übersetzungsbedürftig. Aber sie hat einen unschätzbaren Vorteil: Sie ist überprüfbar. Wer behauptet, in einem Konsortium zu arbeiten, der arbeitet entweder darin — oder eben nicht.


