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Entschuldigung, es geht nicht um Möbel

Was David Gianotten in Mailand vorschlug

04.05.2026 | 15:23
David Gianotten

Eine offene Bühne mitten in Halle 14, ringsum die Stände der Salone-Aussteller, davor Reihen voller Architekten, Hersteller und Spezifizierer, die für die nächsten Minuten ihre Termine verschoben hatten. Drafting Futures Arena, Mailänder Messe, 22. April. Salone-Präsidentin Maria Porro (zugleich Marketing- und Kommunikationsdirektorin des gleichnamigen Familienunternehmens Porro) eröffnete den Nachmittag mit einem bezeichnenden Geständnis. Vor einem Jahr habe man im Salone darüber nachzudenken begonnen, einen neuen Pavillon einzurichten, der ausschließlich Contract-Projekten gewidmet sein solle. Man habe dabei aber „von Beginn an verstanden, dass es nicht möglich war, die Regeln anzuwenden, mit denen wir den Salone selbst entworfen haben". Contract sei ein so anderes Feld, dass es neu gedacht werden müsse. Daraus folgte, sagte Porro, der Anruf bei OMA – wegen "der unterschiedlichen Schichten, die diese Praxis umfasst".

Es ist nicht die übliche Sprache einer Messe-Präsidentin über das eigene Format. Wer zugibt, dass die hauseigenen Regeln für ein Marktsegment nicht reichen, sagt zwischen den Zeilen auch, dass das Geschäftsmodell der vergangenen sechzig Jahre seine Grenzen hat. Genau durch diese offene Tür betrat anschließend David Gianotten, OMA-Partner, Architekt, Niederländer mit Hongkong-Erfahrung, die Bühne.

Gianotten verbrachte die nächsten 25 Minuten damit, einer Möbelmessen-Branche zu erklären, dass Contract nicht das ist, wofür sie es üblicherweise hält. Contract sei kein Vertrag im juristischen Sinn, sondern eine Beschreibung dafür, wie ein Industrie- und Marktökosystem überhaupt funktioniere. Im Zentrum stehe nicht das Produkt, sondern das gesamte Environment, das ein Auftraggeber bestelle. Die Pointe, die Gianotten mehrfach variierte: Auftraggeber seien zunehmend nicht am Objekt interessiert, sondern am System dahinter. Nicht am Verkaufsmoment, sondern am Engagement aller Beteiligten – Auftraggeber, Designer, Hersteller, Betreiber – bis hin zum Reuse am Ende des Lebenszyklus.

Was Auftraggeber dann tatsächlich einkaufen, listete Gianotten mit der Trockenheit eines Beraters auf, der das Beratergeschäft beherrscht: Compliance, Lebenszyklus-Performance, Logistik, Koordination, Garantien, Timing,  Verantwortlichkeit. Was nicht auf der Liste steht, ist Schönheit. Auf einer Möbelmesse ist das eine Aussage. „Der Outcome eines Contracts ist nicht notwendigerweise ein Objekt", so Gianotten, „sondern dieses Gesamt-Environment, das Auftraggeber gestalten wollen." Übersetzt: Wer in der Branche darauf wartet, dass das nächste Sofa, der nächste Tisch, der nächste Stuhl die Logik des Marktes verschiebt, verpasst, was Auftraggeber bereits seit Jahren kaufen – nämlich Risikoabnahme.

Dass das alles keine Modeerscheinung ist, illustrierte Gianotten mit einer historischen Spange, die der Saal kaum erwartet hatte. Bereits im römischen Reich seien Kollektivbauten in dieser Logik beauftragt worden – mit Verantwortung für Lieferungen, Nutzung und Nachnutzung. Die Industrialisierung habe das Modell skalierbar gemacht. Die Titanic, sagte Gianotten beiläufig, sei eines der ersten modernen One-Stop-Shop-Projekte gewesen. Nach den Weltkriegen habe der Aufbau der großen Institutionen – Verwaltungen, Universitäten, Konzernzentralen – Contract zur Regel erklärt. Heute komme die Fragmentierung der Mixed-Use-Bauten dazu, die digitale Schicht, die kontinuierliche Anpassung über Jahrzehnte. In der Nautik-Welt liefen, so Gianotten, bereits 95 Prozent aller Boote unter Contract-Bedingungen. Eine Zahl, die im Saal Möbelmesse-typisch hörbar registriert wurde.

OMA selbst betreibt diese Logik in eigenen Projekten: Taipeis Performing Arts Centre, das Potato Head Resort auf Bali, die Umnutzung der Armee-Baracken in Singapurs Dempsey Hill, das niederländische Außenministerium, das nun in der Nutzungsphase laufend an neue Regierungen angepasst wird. Die Gemeinsamkeit: ein einziger Verantwortungsstrang über Jahre, manchmal Jahrzehnte. Was Architekten als Befreiung erleben, weil sie Komplexität gestalten dürfen, ist für Hersteller eine Aufforderung zur strukturellen Selbstprüfung – ob die eigene Organisation diesen Bogen überhaupt mitspannen kann.

Daraus folgt das eigentlich Erstaunliche an Gianottens Vortrag: seine Definition dessen, was der Salone 2027 sein soll. Keine Trade Fair, weil dort Objekte und Fähigkeiten gezeigt werden, nicht Gespräche. Keine Exhibition, weil dort fixe Produkte stehen, die hier nicht existieren. Sondern, so Gianotten, eher eine Börse. Eine Bursa, in seiner Wortwahl – ein Ort, an dem Parteien sich permanent austauschen, Expertisen abgleichen, Deals schließen, woraufhin der jeweils nächste Projektschritt beginnt. Verschiedene Unternehmenstypen müssten sortiert werden: die großen, die Risiko übernehmen können, plus die kleinen, innovativen, die zuliefern. Dazu Auftraggeber, Betreiber, Nutzer. Auf diesen Sortierprozess, sagte Gianotten, baue der Curatorial Master Plan auf.

Wer die Botschaft hörte, hörte eine zweite mit. Eine Messe, die sich als Börse versteht, kommt ohne Stand-Quadratmeter als Hauptwährung aus. Was zählt, ist die Kontaktdichte zwischen Akteuren, die sonst nicht im selben Raum stehen. Ob Mailand das in 12 Monaten tatsächlich abbildet, ist die offene Frage. Dass Maria Porro und OMA die Frage so gestellt haben, ist der eigentliche Schritt.

Entschuldigung, es geht nicht um Möbel

Was David Gianotten in Mailand vorschlug

04.05.2026 | 15:23
David Gianotten

Eine offene Bühne mitten in Halle 14, ringsum die Stände der Salone-Aussteller, davor Reihen voller Architekten, Hersteller und Spezifizierer, die für die nächsten Minuten ihre Termine verschoben hatten. Drafting Futures Arena, Mailänder Messe, 22. April. Salone-Präsidentin Maria Porro (zugleich Marketing- und Kommunikationsdirektorin des gleichnamigen Familienunternehmens Porro) eröffnete den Nachmittag mit einem bezeichnenden Geständnis. Vor einem Jahr habe man im Salone darüber nachzudenken begonnen, einen neuen Pavillon einzurichten, der ausschließlich Contract-Projekten gewidmet sein solle. Man habe dabei aber „von Beginn an verstanden, dass es nicht möglich war, die Regeln anzuwenden, mit denen wir den Salone selbst entworfen haben". Contract sei ein so anderes Feld, dass es neu gedacht werden müsse. Daraus folgte, sagte Porro, der Anruf bei OMA – wegen "der unterschiedlichen Schichten, die diese Praxis umfasst".

Es ist nicht die übliche Sprache einer Messe-Präsidentin über das eigene Format. Wer zugibt, dass die hauseigenen Regeln für ein Marktsegment nicht reichen, sagt zwischen den Zeilen auch, dass das Geschäftsmodell der vergangenen sechzig Jahre seine Grenzen hat. Genau durch diese offene Tür betrat anschließend David Gianotten, OMA-Partner, Architekt, Niederländer mit Hongkong-Erfahrung, die Bühne.

Gianotten verbrachte die nächsten 25 Minuten damit, einer Möbelmessen-Branche zu erklären, dass Contract nicht das ist, wofür sie es üblicherweise hält. Contract sei kein Vertrag im juristischen Sinn, sondern eine Beschreibung dafür, wie ein Industrie- und Marktökosystem überhaupt funktioniere. Im Zentrum stehe nicht das Produkt, sondern das gesamte Environment, das ein Auftraggeber bestelle. Die Pointe, die Gianotten mehrfach variierte: Auftraggeber seien zunehmend nicht am Objekt interessiert, sondern am System dahinter. Nicht am Verkaufsmoment, sondern am Engagement aller Beteiligten – Auftraggeber, Designer, Hersteller, Betreiber – bis hin zum Reuse am Ende des Lebenszyklus.

Was Auftraggeber dann tatsächlich einkaufen, listete Gianotten mit der Trockenheit eines Beraters auf, der das Beratergeschäft beherrscht: Compliance, Lebenszyklus-Performance, Logistik, Koordination, Garantien, Timing,  Verantwortlichkeit. Was nicht auf der Liste steht, ist Schönheit. Auf einer Möbelmesse ist das eine Aussage. „Der Outcome eines Contracts ist nicht notwendigerweise ein Objekt", so Gianotten, „sondern dieses Gesamt-Environment, das Auftraggeber gestalten wollen." Übersetzt: Wer in der Branche darauf wartet, dass das nächste Sofa, der nächste Tisch, der nächste Stuhl die Logik des Marktes verschiebt, verpasst, was Auftraggeber bereits seit Jahren kaufen – nämlich Risikoabnahme.

Dass das alles keine Modeerscheinung ist, illustrierte Gianotten mit einer historischen Spange, die der Saal kaum erwartet hatte. Bereits im römischen Reich seien Kollektivbauten in dieser Logik beauftragt worden – mit Verantwortung für Lieferungen, Nutzung und Nachnutzung. Die Industrialisierung habe das Modell skalierbar gemacht. Die Titanic, sagte Gianotten beiläufig, sei eines der ersten modernen One-Stop-Shop-Projekte gewesen. Nach den Weltkriegen habe der Aufbau der großen Institutionen – Verwaltungen, Universitäten, Konzernzentralen – Contract zur Regel erklärt. Heute komme die Fragmentierung der Mixed-Use-Bauten dazu, die digitale Schicht, die kontinuierliche Anpassung über Jahrzehnte. In der Nautik-Welt liefen, so Gianotten, bereits 95 Prozent aller Boote unter Contract-Bedingungen. Eine Zahl, die im Saal Möbelmesse-typisch hörbar registriert wurde.

OMA selbst betreibt diese Logik in eigenen Projekten: Taipeis Performing Arts Centre, das Potato Head Resort auf Bali, die Umnutzung der Armee-Baracken in Singapurs Dempsey Hill, das niederländische Außenministerium, das nun in der Nutzungsphase laufend an neue Regierungen angepasst wird. Die Gemeinsamkeit: ein einziger Verantwortungsstrang über Jahre, manchmal Jahrzehnte. Was Architekten als Befreiung erleben, weil sie Komplexität gestalten dürfen, ist für Hersteller eine Aufforderung zur strukturellen Selbstprüfung – ob die eigene Organisation diesen Bogen überhaupt mitspannen kann.

Daraus folgt das eigentlich Erstaunliche an Gianottens Vortrag: seine Definition dessen, was der Salone 2027 sein soll. Keine Trade Fair, weil dort Objekte und Fähigkeiten gezeigt werden, nicht Gespräche. Keine Exhibition, weil dort fixe Produkte stehen, die hier nicht existieren. Sondern, so Gianotten, eher eine Börse. Eine Bursa, in seiner Wortwahl – ein Ort, an dem Parteien sich permanent austauschen, Expertisen abgleichen, Deals schließen, woraufhin der jeweils nächste Projektschritt beginnt. Verschiedene Unternehmenstypen müssten sortiert werden: die großen, die Risiko übernehmen können, plus die kleinen, innovativen, die zuliefern. Dazu Auftraggeber, Betreiber, Nutzer. Auf diesen Sortierprozess, sagte Gianotten, baue der Curatorial Master Plan auf.

Wer die Botschaft hörte, hörte eine zweite mit. Eine Messe, die sich als Börse versteht, kommt ohne Stand-Quadratmeter als Hauptwährung aus. Was zählt, ist die Kontaktdichte zwischen Akteuren, die sonst nicht im selben Raum stehen. Ob Mailand das in 12 Monaten tatsächlich abbildet, ist die offene Frage. Dass Maria Porro und OMA die Frage so gestellt haben, ist der eigentliche Schritt.