Daten statt Designnebel
Arper macht aus Dokumentation einen Wettbewerbsvorteil
Nicolò Fanzago und Andrea Mulloni über Aom ohne Polyurethan, Kreislauffähigkeit als Ausschreibungsvorteil und die Frage, wann Nachhaltigkeit im Contract-Markt vom Versprechen zur Nachweispflicht wird.
Polyurethan ist in der Möbelindustrie fast unsichtbar – und fast überall. In Polstern, Komfortschichten, vertrauten Konstruktionen. Mit Aom stellt Arper ein System vor, das genau darauf verzichtet. Kein kleiner Materialwechsel also, sondern ein Eingriff in eine Konstruktionslogik, die die Branche lange geprägt hat.
Gleichzeitig verschieben sich die Anforderungen im Objektmarkt. Architekten, Planer und öffentliche Auftraggeber fragen nicht mehr nur nach Form, Farbe, Preis und Lieferfähigkeit. Sie fragen nach Emissionen, Recyclingfähigkeit, Nachweisen, Lieferkettendaten und bald auch nach digitalen Produktpässen. Nachhaltigkeit wird damit weniger Erzählung als Infrastruktur.
Nicolò Fanzago, Head of Product & Design bei Arper, und Andrea Mulloni, Head of Sustainability bei Arper, über Komfort ohne Schaum, Daten als Wettbewerbsvorteil und die neue Härte im nachhaltigen Contract-Geschäft.
furnomics: Aom wurde auf dem Salone 2026 als polyurethanfreies Polstersystem vorgestellt. Ist das vor allem ein Materialwechsel – oder ein Angriff auf eine ziemlich bequeme Branchengewohnheit?
Nicolò Fanzago: Aom steht für eine Herausforderung, die vollständig im Design verwurzelt war. Für die Entwicklung mussten keine neuen Materialien erfunden werden. Vielmehr ging es darum, bereits verfügbare Materialien auf eine neue und innovativere Weise einzusetzen.
furnomics: Also nicht der neue Wunderstoff, sondern eine andere Architektur?
Nicolò Fanzago: Ja, im Zentrum des Projekts steht der Ersatz traditioneller Polyurethan-Schäume, die aus Sicht der Recyclingfähigkeit weiterhin zu den problematischsten Materialien unserer Branche gehören. An ihre Stelle tritt eine vollständig neue Produktarchitektur aus expandiertem Polypropylen, Breathair und Polyestervlies – drei Materialien, die vollständig recyclingfähig sind.
furnomics: Das klingt nach einem einfachen Satz – und nach ziemlich viel Arbeit dahinter.
Nicolò Fanzago: Absolut! Diese Vision umzusetzen, bedeutete eine ebenso komplexe wie anregende Herausforderung. Möglich wurde das durch die enge Zusammenarbeit zwischen Arper, dem Designer Jean-Marie Massaud, mit dem uns eine mehr als zwei Jahrzehnte lange Partnerschaft verbindet, und den in den Entwicklungsprozess eingebundenen Zulieferern.
furnomics: Das setzt voraus, dass alle Beteiligten alte Routinen loslassen. War genau das der schwierige Teil?
Nicolò Fanzago: Wichtig war die Bereitschaft aller Beteiligten, etablierte Konstruktionsweisen und langjährige Branchenkonventionen zu hinterfragen. Diese gemeinsame Offenheit war entscheidend, um einen Prozess zu bewältigen, der von Experimenten, Tests und kontinuierlicher Verfeinerung geprägt war.
furnomics: Breathair steht im Zentrum des Projekts. Ist das der neue Schaum?
Nicolò Fanzago: Aus Materialsicht steht Breathair zweifellos im Zentrum des Projekts. Diese dreidimensionale thermoplastische Polyester-Elastomerstruktur ist entscheidend für Ergonomie und Komfort des Produkts und stellt eine echte Alternative zu Polyurethan-Schaum dar.
furnomics: Aber eben nicht einfach ein Ersatz?
Nicolò Fanzago: Nein, es wäre verkürzt, Breathair als universellen Eins-zu-eins-Ersatz für Polyurethan in allen Anwendungen zu beschreiben. Wie Aom zeigt, müssen Produkte um die spezifischen Eigenschaften solcher Materialien herum gedacht werden. Es braucht einen Designansatz, der ihr Potenzial wirklich erschließt.
furnomics: Lässt sich dieser Ansatz trotzdem auf andere Arper-Familien übertragen?
Nicolò Fanzago: Ja, das Projekt eröffnet wichtige Möglichkeiten für die Zukunft. Gleichzeitig macht es deutlich, dass Skalierbarkeit nicht durch einfache Substitution entsteht, sondern durch ein breiteres Umdenken in der Produktarchitektur.
furnomics: Catifa Carta mit PaperShell, Catifa (RE) 46 aus recyceltem PP, Breathair-Polsterung, die trennbare EPP- und Elastomer-Konstruktion von Aom – Arper hat ein Materialvokabular rund um Kreislauffähigkeit aufgebaut. Wann wird daraus mehr als Produktmarketing?
Andrea Mulloni: Arpers eigentlicher Wettbewerbsvorteil in öffentlichen Ausschreibungen ist nicht ästhetischer, sondern dokumentarischer Natur. Wir arbeiten daran, belastbare Umweltinformationen von unabhängigen Dritten bereitzustellen, um zu zeigen, wie ernst wir Kreislauffähigkeit nehmen.
furnomics: Dokumentation als Wettbewerbsvorteil – das klingt weniger sexy, aber ziemlich relevant.
Andrea Mulloni: Das ist es auch. Wo dies nicht möglich ist – etwa bei SKU-spezifischen Berechnungen wie LCAs –, haben wir gelernt, intern fundierte und reproduzierbare Daten zu erstellen. Das wird zunehmend notwendig, wenn man auf gemeinsamem Wissen aufbauen und zugleich die Serviceorientierung beibehalten will, die der Objektmarkt verlangt.
furnomics: Gibt es dafür schon Druck von Kundenseite?
Andrea Mulloni: Wir haben bereits Endkunden, die Räume entlang gesamter Emissionsgrenzwerte planen. Das ist eine Herausforderung an sich, zugleich aber auch ein starker Innovationsimpuls.
furnomics: Was heißt das intern?
Andrea Mulloni: Die Richtung ist für uns klar: so streng wie möglich mit Eco-Design-Leitlinien umgehen, neue emissionsarme Materialien einsetzen, das damit verbundene Risiko akzeptieren und minimieren – und in kontinuierlicher Entwicklung denken.
furnomics: Ab August 2026 gilt ein neuer REACH-Grenzwert für Formaldehyd. Wie stark trifft das den Objektmöbelmarkt?
Andrea Mulloni: Das ist korrekt: Ab dem 6. August 2026 dürfen Möbel und Holzwerkstoffe, die auf dem EU-Markt in Verkehr gebracht werden, Formaldehydemissionen von 0,062 mg/m³ nicht überschreiten – das entspricht der Hälfte des derzeitigen E1-Grenzwerts. Das wird Hersteller unter Druck setzen, die auf konventionelle MDF- oder Spanplatten-Bindemittel angewiesen sind.
furnomics: Und Arper?
Andrea Mulloni: Arpers Risiko ist strukturell begrenzt. Unser zentrales Sitzmöbelportfolio basiert auf Polypropylen-Schalen, recyceltem PP, PaperShell, Aluminium und Stahl – also Materialfamilien ohne inhärentes Formaldehydrisiko. Catifa (RE) 46 etwa ist Greenguard-Gold-zertifiziert, mit Formaldehydgrenzwerten, die deutlich unterhalb des kommenden REACH-Grenzwerts liegen.
furnomics: Wo wird es trotzdem kritisch?
Andrea Mulloni: Die relevantere Compliance-Frage betrifft die Holzkollektionen. Dort sollten Prüfungen auf Zulieferebene vor August 2026 priorisiert werden.
furnomics: Beim Digitalen Produktpass geht es nicht nur um Grenzwerte, sondern um Daten. Wie weit ist Arper da?
Andrea Mulloni: Beim Digitalen Produktpass ist die Richtung bereits klar. Die Dateninfrastruktur, die derzeit geprüft wird – Materialzusammensetzung, Recyclinganteil, Demontagehinweise, GWP-Werte und Rückverfolgbarkeit der Lieferanten –, entspricht genau dem, was Arper über seine EPD-Prozesszertifizierung und Nachhaltigkeitsberichterstattung bereits aufbaut.
furnomics: Catifa Carta hat bereits einen QR-Code. Ist das schon ein Vorgriff auf den Produktpass?
Andrea Mulloni: Der QR-Code, der bereits mit Catifa Carta ausgeliefert wird und Informationen zu Zusammensetzung, Pflege und Entsorgung bereitstellt, ist strukturell sehr nah an dem, was ein Digitaler Produktpass verlangen wird. Die Hauptlücke liegt in der Standardisierung, da DPPs einem spezifischen EU-Datenschema entsprechen müssen, sobald der delegierte Rechtsakt veröffentlicht ist.
furnomics: Was steht jetzt auf der internen Liste ganz oben?
Andrea Mulloni: Die Prioritäten sind klar: Emissionsprüfungen bei allen holzbasierten oder klebstoffabhängigen Produkten, die Erhebung von Materialdaten auf Zulieferebene über das gesamte Portfolio hinweg sowie die Formalisierung des bereits in Entwicklung befindlichen Rücknahmesystems. Denn die tatsächliche Umsetzbarkeit am Lebensende wird ein zentraler Datenpunkt des DPP sein. Die bereits vorhandene EPD-Infrastruktur bedeutet, dass Arper von einer stärkeren Ausgangsbasis aus arbeitet als viele andere Hersteller von Objektmöbeln.
furnomics: Arper beschreibt Aom als Brücke zwischen „den strengen Anforderungen der Objektwelt und dem menschlichen Bedürfnis nach echter, regenerativer Entspannung“. Das klingt nach zwei Sprachen in einem Produkt: Compliance hier, Wohlbefinden dort. Gibt es diese Spannung intern wirklich?
Nicolò Fanzago: Für Arper ist dieser Gegensatz – und die Spannung, die er nahelegt – nur scheinbar vorhanden. Die Menschen, die private Räume und öffentliche Umgebungen nutzen, sind letztlich dieselben. Und auch ihre Bedürfnisse sind dieselben, sowohl funktional als auch emotional.
furnomics: Also keine Trennung zwischen Objektwelt und Wohngefühl?
Nicolò Fanzago: Wir haben immer daran gearbeitet, die starren Grenzen zwischen diesen Welten aufzuweichen. Im Mittelpunkt stehen für uns die Menschen. Die Auflösung dieser vermeintlichen Spannung zwischen technischer Performance, funktionalen Anforderungen und der Fähigkeit eines Produkts, Empathie zu erzeugen und Wohlbefinden zu fördern, ist für uns integraler Bestandteil jedes Projekts.
furnomics: Bei Aom steckt viel Technik im Inneren. Warum soll man sie nicht sehen?
Nicolò Fanzago: Aom ist ein gutes Beispiel: Es ist ein Produkt mit einem hochinnovativen und leistungsfähigen Kern, das diese technische Komplexität ästhetisch jedoch nicht nach außen trägt.
furnomics: Was kommt davon beim Nutzer an?
Nicolò Fanzago: Die Innovationen, die Nachhaltigkeit und Fertigungseffizienz des Produkts spürbar verbessern, übersetzen sich zugleich direkt in Vorteile für den Nutzer: Atmungsaktivität, Leichtigkeit und Frische. Gleichzeitig entsteht eine Ästhetik, die Komfort, Weichheit und Informalität vermittelt.
furnomics: Hospitality, Lobby- und Lounge-Typologien prägen Arpers aktuelle Richtung deutlich. Sind das die Wachstumssegmente der nächsten drei bis fünf Jahre?
Nicolò Fanzago: Einzelne Segmente stehen nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Räume, die der Gastlichkeit, dem Zusammenkommen, dem Austausch und der Zusammenarbeit gewidmet sind, werden über alle Bereiche hinweg zunehmend zu Nervenzentren. Sie werden zu Knotenpunkten für eine wachsende Zahl an Aktivitäten und Erfahrungen.
furnomics: Der Arbeitsplatz wird gastlicher, Hospitality wird arbeitstauglicher?
Nicolò Fanzago: Lassen Sie mich es so formulieren: Arbeitswelten sollen heute nicht mehr nur interne Zusammenarbeit und Interaktion unterstützen. Sie öffnen sich zunehmend auch den Gemeinschaften um sie herum. Gleichzeitig sind Hospitality- und Wohnräume, wie wir wissen, ebenfalls zu Arbeitsorten geworden.
furnomics: Dann liegt die Chance nicht im Segment, sondern im Verhalten der Menschen?
Nicolò Fanzago: Genau,für uns liegt die Wachstumschance weniger darin, bestimmte Segmente gezielt zu adressieren. Sie liegt vielmehr darin, zu verstehen, wie sich die Prioritäten der Menschen in Räumen verändern. Die eigentliche Chance besteht darin, nah an den Menschen zu bleiben, ihre Bedürfnisse zu verstehen und ein Wertesystem zu teilen, das Identifikation und Zugehörigkeit ermöglicht. Das wird Arper aus unserer Sicht in den kommenden Jahren befähigen, weiter zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.
furnomics: Materialtransparenz ist in den USA und in Europa unterschiedlich geregelt. Die USA arbeiten stärker mit freiwilligen Standards wie Declare und HPD, die EU bewegt sich Richtung verbindlicher Vorgaben. Wie bringt man diese beiden Logiken zusammen?
Andrea Mulloni: Der praktische Abgleich beginnt mit der Erkenntnis, dass die US-amerikanischen und europäischen Rahmenwerke im Kern viele derselben vorgelagerten Informationen verlangen: die Materialzusammensetzung auf Ebene der Inhaltsstoffe. Sie tun dies nur über unterschiedliche institutionelle Mechanismen.
furnomics: Was verlangen HPD und Declare konkret?
Andrea Mulloni: HPD ist ein freiwilliger Standard zur Offenlegung von Materialinhalten und damit verbundenen Gesundheitsrisiken und wird häufig im Zusammenhang mit LEED v4 eingesetzt. Declare geht weiter, indem Produktinhalte nach chemischer Bezeichnung und CAS-Nummer offengelegt werden und zugleich Herkunft sowie Lebensende berücksichtigt werden. Beide Systeme verlangen von Herstellern eine detaillierte Erfassung der Lieferkettenchemie. In der Praxis gilt das auch für den Digitalen Produktpass der EU.
furnomics: Wer für HPD oder Declare sauber arbeitet, bereitet sich also automatisch auf den DPP vor?
Andrea Mulloni: Der DPP-Rahmen der ESPR wird Lebenszyklusdaten verlangen, darunter Materialherkunft, Herstellungsprozesse und das Vorhandensein schädlicher Stoffe. Ein Hersteller, der die für HPD oder Declare notwendige Lieferkettenkartierung auf Inhaltsstoffebene bereits aufgebaut hat, hat damit einen großen Teil der Datenarbeit geleistet, die der DPP künftig verlangen wird.
furnomics: Der Unterschied liegt wo?
Andrea Mulloni: Der Unterschied liegt im Schema, im Register und in der Verbindlichkeit – nicht in den zugrunde liegenden Informationen. In den USA ist Transparenz marktgetrieben: HPDs helfen, LEED-v4-Credits zu erreichen, und signalisieren Planern Führungsanspruch. Die Offenlegung bleibt aber freiwillig. In der EU bewegt sich die Entwicklung dagegen in Richtung Marktzugangsvoraussetzung: Der DPP macht Nachhaltigkeitstransparenz auf Produktebene zu einer Anforderung und nicht nur zu einem Differenzierungsmerkmal.
furnomics: Zwei Märkte, ein Datenkern. Ist das der sinnvollste Weg?
Andrea Mulloni: Für eine Marke, die in beiden Kontexten tätig ist, ist der belastbarste Ansatz, global nach dem höheren Standard zu arbeiten und dies als einheitliche, wertebasierte Haltung zu kommunizieren – nicht als bloße Reaktion auf Compliance-Anforderungen. Für Arper bedeutet das, die derzeit laufenden Arbeiten zur DPP-Readiness als Grundlage für HPD- und Declare-Dokumentationen in den USA zu nutzen, statt zwei parallele Prozesse aufzusetzen. Die bereits mit Catifa Carta ausgelieferten QR-Code-basierten Daten zur Produktzusammensetzung werden dabei zum sichtbaren Beleg dieses einheitlichen Ansatzes.
furnomics: Wo ist Arper noch nicht so weit?
Andrea Mulloni: Die intern ehrlich zu benennende Lücke besteht darin, dass eine vollständige HPD- oder Declare-Abdeckung über das gesamte Arper-Portfolio hinweg offenbar noch nicht für alle Kollektionen besteht. Diese Lücke zu schließen, ist kurzfristig eine Verbesserung des Service für Planer – und zugleich die richtige Vorbereitung auf ein regulatorisches Umfeld, das sich auf beiden Seiten des Atlantiks in dieselbe Richtung bewegt.
furnomics: Über Arper hinaus: Welches aktuelle Produkt, Gebäude oder welche Arbeit eines Designers fanden Sie zuletzt wirklich gut – und warum hat sie für Sie funktioniert?
Nicolò Fanzago: Mein Interesse gilt vor allem Initiativen, die wirklich nach vorn schauen und in der Lage sind, über die Tendenz unserer Branche hinauszugehen, sich allzu sehr mit der Feier der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. In diesem Sinne ist nachhaltigkeitsgetriebene Forschung nicht nur wegen ihres möglichen positiven Einflusses auf die Umwelt wichtig, in der wir leben. Sie bleibt auch einer der konkretesten und bedeutendsten Innovationstreiber unserer Zeit.
furnomics: Und woran erkennt man, dass es nicht nur eine kurzlebige Nachhaltigkeitsgeste ist?
Nicolò Fanzago: Das Schlüsselwort ist für mich Kohärenz: die Suche nach klaren, transparenten Wegen, die helfen, das Hintergrundrauschen der vielen oberflächlichen oder kurzlebigen Initiativen in diesem Bereich zu durchdringen. In dieser Hinsicht denke ich zum Beispiel an die bemerkenswerte Konsequenz von Emecos achtzigjährigem Weg, an die inspirierende Ausstellung 1kgCO2e von Emma Olbers und an den disruptiven Innovationsgeist, für den PaperShell steht.
Daten statt Designnebel
Arper macht aus Dokumentation einen Wettbewerbsvorteil

Nicolò Fanzago und Andrea Mulloni über Aom ohne Polyurethan, Kreislauffähigkeit als Ausschreibungsvorteil und die Frage, wann Nachhaltigkeit im Contract-Markt vom Versprechen zur Nachweispflicht wird.
Polyurethan ist in der Möbelindustrie fast unsichtbar – und fast überall. In Polstern, Komfortschichten, vertrauten Konstruktionen. Mit Aom stellt Arper ein System vor, das genau darauf verzichtet. Kein kleiner Materialwechsel also, sondern ein Eingriff in eine Konstruktionslogik, die die Branche lange geprägt hat.
Gleichzeitig verschieben sich die Anforderungen im Objektmarkt. Architekten, Planer und öffentliche Auftraggeber fragen nicht mehr nur nach Form, Farbe, Preis und Lieferfähigkeit. Sie fragen nach Emissionen, Recyclingfähigkeit, Nachweisen, Lieferkettendaten und bald auch nach digitalen Produktpässen. Nachhaltigkeit wird damit weniger Erzählung als Infrastruktur.
Nicolò Fanzago, Head of Product & Design bei Arper, und Andrea Mulloni, Head of Sustainability bei Arper, über Komfort ohne Schaum, Daten als Wettbewerbsvorteil und die neue Härte im nachhaltigen Contract-Geschäft.
furnomics: Aom wurde auf dem Salone 2026 als polyurethanfreies Polstersystem vorgestellt. Ist das vor allem ein Materialwechsel – oder ein Angriff auf eine ziemlich bequeme Branchengewohnheit?
Nicolò Fanzago: Aom steht für eine Herausforderung, die vollständig im Design verwurzelt war. Für die Entwicklung mussten keine neuen Materialien erfunden werden. Vielmehr ging es darum, bereits verfügbare Materialien auf eine neue und innovativere Weise einzusetzen.
furnomics: Also nicht der neue Wunderstoff, sondern eine andere Architektur?
Nicolò Fanzago: Ja, im Zentrum des Projekts steht der Ersatz traditioneller Polyurethan-Schäume, die aus Sicht der Recyclingfähigkeit weiterhin zu den problematischsten Materialien unserer Branche gehören. An ihre Stelle tritt eine vollständig neue Produktarchitektur aus expandiertem Polypropylen, Breathair und Polyestervlies – drei Materialien, die vollständig recyclingfähig sind.
furnomics: Das klingt nach einem einfachen Satz – und nach ziemlich viel Arbeit dahinter.
Nicolò Fanzago: Absolut! Diese Vision umzusetzen, bedeutete eine ebenso komplexe wie anregende Herausforderung. Möglich wurde das durch die enge Zusammenarbeit zwischen Arper, dem Designer Jean-Marie Massaud, mit dem uns eine mehr als zwei Jahrzehnte lange Partnerschaft verbindet, und den in den Entwicklungsprozess eingebundenen Zulieferern.
furnomics: Das setzt voraus, dass alle Beteiligten alte Routinen loslassen. War genau das der schwierige Teil?
Nicolò Fanzago: Wichtig war die Bereitschaft aller Beteiligten, etablierte Konstruktionsweisen und langjährige Branchenkonventionen zu hinterfragen. Diese gemeinsame Offenheit war entscheidend, um einen Prozess zu bewältigen, der von Experimenten, Tests und kontinuierlicher Verfeinerung geprägt war.
furnomics: Breathair steht im Zentrum des Projekts. Ist das der neue Schaum?
Nicolò Fanzago: Aus Materialsicht steht Breathair zweifellos im Zentrum des Projekts. Diese dreidimensionale thermoplastische Polyester-Elastomerstruktur ist entscheidend für Ergonomie und Komfort des Produkts und stellt eine echte Alternative zu Polyurethan-Schaum dar.
furnomics: Aber eben nicht einfach ein Ersatz?
Nicolò Fanzago: Nein, es wäre verkürzt, Breathair als universellen Eins-zu-eins-Ersatz für Polyurethan in allen Anwendungen zu beschreiben. Wie Aom zeigt, müssen Produkte um die spezifischen Eigenschaften solcher Materialien herum gedacht werden. Es braucht einen Designansatz, der ihr Potenzial wirklich erschließt.
furnomics: Lässt sich dieser Ansatz trotzdem auf andere Arper-Familien übertragen?
Nicolò Fanzago: Ja, das Projekt eröffnet wichtige Möglichkeiten für die Zukunft. Gleichzeitig macht es deutlich, dass Skalierbarkeit nicht durch einfache Substitution entsteht, sondern durch ein breiteres Umdenken in der Produktarchitektur.
furnomics: Catifa Carta mit PaperShell, Catifa (RE) 46 aus recyceltem PP, Breathair-Polsterung, die trennbare EPP- und Elastomer-Konstruktion von Aom – Arper hat ein Materialvokabular rund um Kreislauffähigkeit aufgebaut. Wann wird daraus mehr als Produktmarketing?
Andrea Mulloni: Arpers eigentlicher Wettbewerbsvorteil in öffentlichen Ausschreibungen ist nicht ästhetischer, sondern dokumentarischer Natur. Wir arbeiten daran, belastbare Umweltinformationen von unabhängigen Dritten bereitzustellen, um zu zeigen, wie ernst wir Kreislauffähigkeit nehmen.
furnomics: Dokumentation als Wettbewerbsvorteil – das klingt weniger sexy, aber ziemlich relevant.
Andrea Mulloni: Das ist es auch. Wo dies nicht möglich ist – etwa bei SKU-spezifischen Berechnungen wie LCAs –, haben wir gelernt, intern fundierte und reproduzierbare Daten zu erstellen. Das wird zunehmend notwendig, wenn man auf gemeinsamem Wissen aufbauen und zugleich die Serviceorientierung beibehalten will, die der Objektmarkt verlangt.
furnomics: Gibt es dafür schon Druck von Kundenseite?
Andrea Mulloni: Wir haben bereits Endkunden, die Räume entlang gesamter Emissionsgrenzwerte planen. Das ist eine Herausforderung an sich, zugleich aber auch ein starker Innovationsimpuls.
furnomics: Was heißt das intern?
Andrea Mulloni: Die Richtung ist für uns klar: so streng wie möglich mit Eco-Design-Leitlinien umgehen, neue emissionsarme Materialien einsetzen, das damit verbundene Risiko akzeptieren und minimieren – und in kontinuierlicher Entwicklung denken.
furnomics: Ab August 2026 gilt ein neuer REACH-Grenzwert für Formaldehyd. Wie stark trifft das den Objektmöbelmarkt?
Andrea Mulloni: Das ist korrekt: Ab dem 6. August 2026 dürfen Möbel und Holzwerkstoffe, die auf dem EU-Markt in Verkehr gebracht werden, Formaldehydemissionen von 0,062 mg/m³ nicht überschreiten – das entspricht der Hälfte des derzeitigen E1-Grenzwerts. Das wird Hersteller unter Druck setzen, die auf konventionelle MDF- oder Spanplatten-Bindemittel angewiesen sind.
furnomics: Und Arper?
Andrea Mulloni: Arpers Risiko ist strukturell begrenzt. Unser zentrales Sitzmöbelportfolio basiert auf Polypropylen-Schalen, recyceltem PP, PaperShell, Aluminium und Stahl – also Materialfamilien ohne inhärentes Formaldehydrisiko. Catifa (RE) 46 etwa ist Greenguard-Gold-zertifiziert, mit Formaldehydgrenzwerten, die deutlich unterhalb des kommenden REACH-Grenzwerts liegen.
furnomics: Wo wird es trotzdem kritisch?
Andrea Mulloni: Die relevantere Compliance-Frage betrifft die Holzkollektionen. Dort sollten Prüfungen auf Zulieferebene vor August 2026 priorisiert werden.
furnomics: Beim Digitalen Produktpass geht es nicht nur um Grenzwerte, sondern um Daten. Wie weit ist Arper da?
Andrea Mulloni: Beim Digitalen Produktpass ist die Richtung bereits klar. Die Dateninfrastruktur, die derzeit geprüft wird – Materialzusammensetzung, Recyclinganteil, Demontagehinweise, GWP-Werte und Rückverfolgbarkeit der Lieferanten –, entspricht genau dem, was Arper über seine EPD-Prozesszertifizierung und Nachhaltigkeitsberichterstattung bereits aufbaut.
furnomics: Catifa Carta hat bereits einen QR-Code. Ist das schon ein Vorgriff auf den Produktpass?
Andrea Mulloni: Der QR-Code, der bereits mit Catifa Carta ausgeliefert wird und Informationen zu Zusammensetzung, Pflege und Entsorgung bereitstellt, ist strukturell sehr nah an dem, was ein Digitaler Produktpass verlangen wird. Die Hauptlücke liegt in der Standardisierung, da DPPs einem spezifischen EU-Datenschema entsprechen müssen, sobald der delegierte Rechtsakt veröffentlicht ist.
furnomics: Was steht jetzt auf der internen Liste ganz oben?
Andrea Mulloni: Die Prioritäten sind klar: Emissionsprüfungen bei allen holzbasierten oder klebstoffabhängigen Produkten, die Erhebung von Materialdaten auf Zulieferebene über das gesamte Portfolio hinweg sowie die Formalisierung des bereits in Entwicklung befindlichen Rücknahmesystems. Denn die tatsächliche Umsetzbarkeit am Lebensende wird ein zentraler Datenpunkt des DPP sein. Die bereits vorhandene EPD-Infrastruktur bedeutet, dass Arper von einer stärkeren Ausgangsbasis aus arbeitet als viele andere Hersteller von Objektmöbeln.
furnomics: Arper beschreibt Aom als Brücke zwischen „den strengen Anforderungen der Objektwelt und dem menschlichen Bedürfnis nach echter, regenerativer Entspannung“. Das klingt nach zwei Sprachen in einem Produkt: Compliance hier, Wohlbefinden dort. Gibt es diese Spannung intern wirklich?
Nicolò Fanzago: Für Arper ist dieser Gegensatz – und die Spannung, die er nahelegt – nur scheinbar vorhanden. Die Menschen, die private Räume und öffentliche Umgebungen nutzen, sind letztlich dieselben. Und auch ihre Bedürfnisse sind dieselben, sowohl funktional als auch emotional.
furnomics: Also keine Trennung zwischen Objektwelt und Wohngefühl?
Nicolò Fanzago: Wir haben immer daran gearbeitet, die starren Grenzen zwischen diesen Welten aufzuweichen. Im Mittelpunkt stehen für uns die Menschen. Die Auflösung dieser vermeintlichen Spannung zwischen technischer Performance, funktionalen Anforderungen und der Fähigkeit eines Produkts, Empathie zu erzeugen und Wohlbefinden zu fördern, ist für uns integraler Bestandteil jedes Projekts.
furnomics: Bei Aom steckt viel Technik im Inneren. Warum soll man sie nicht sehen?
Nicolò Fanzago: Aom ist ein gutes Beispiel: Es ist ein Produkt mit einem hochinnovativen und leistungsfähigen Kern, das diese technische Komplexität ästhetisch jedoch nicht nach außen trägt.
furnomics: Was kommt davon beim Nutzer an?
Nicolò Fanzago: Die Innovationen, die Nachhaltigkeit und Fertigungseffizienz des Produkts spürbar verbessern, übersetzen sich zugleich direkt in Vorteile für den Nutzer: Atmungsaktivität, Leichtigkeit und Frische. Gleichzeitig entsteht eine Ästhetik, die Komfort, Weichheit und Informalität vermittelt.
furnomics: Hospitality, Lobby- und Lounge-Typologien prägen Arpers aktuelle Richtung deutlich. Sind das die Wachstumssegmente der nächsten drei bis fünf Jahre?
Nicolò Fanzago: Einzelne Segmente stehen nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Räume, die der Gastlichkeit, dem Zusammenkommen, dem Austausch und der Zusammenarbeit gewidmet sind, werden über alle Bereiche hinweg zunehmend zu Nervenzentren. Sie werden zu Knotenpunkten für eine wachsende Zahl an Aktivitäten und Erfahrungen.
furnomics: Der Arbeitsplatz wird gastlicher, Hospitality wird arbeitstauglicher?
Nicolò Fanzago: Lassen Sie mich es so formulieren: Arbeitswelten sollen heute nicht mehr nur interne Zusammenarbeit und Interaktion unterstützen. Sie öffnen sich zunehmend auch den Gemeinschaften um sie herum. Gleichzeitig sind Hospitality- und Wohnräume, wie wir wissen, ebenfalls zu Arbeitsorten geworden.
furnomics: Dann liegt die Chance nicht im Segment, sondern im Verhalten der Menschen?
Nicolò Fanzago: Genau,für uns liegt die Wachstumschance weniger darin, bestimmte Segmente gezielt zu adressieren. Sie liegt vielmehr darin, zu verstehen, wie sich die Prioritäten der Menschen in Räumen verändern. Die eigentliche Chance besteht darin, nah an den Menschen zu bleiben, ihre Bedürfnisse zu verstehen und ein Wertesystem zu teilen, das Identifikation und Zugehörigkeit ermöglicht. Das wird Arper aus unserer Sicht in den kommenden Jahren befähigen, weiter zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.
furnomics: Materialtransparenz ist in den USA und in Europa unterschiedlich geregelt. Die USA arbeiten stärker mit freiwilligen Standards wie Declare und HPD, die EU bewegt sich Richtung verbindlicher Vorgaben. Wie bringt man diese beiden Logiken zusammen?
Andrea Mulloni: Der praktische Abgleich beginnt mit der Erkenntnis, dass die US-amerikanischen und europäischen Rahmenwerke im Kern viele derselben vorgelagerten Informationen verlangen: die Materialzusammensetzung auf Ebene der Inhaltsstoffe. Sie tun dies nur über unterschiedliche institutionelle Mechanismen.
furnomics: Was verlangen HPD und Declare konkret?
Andrea Mulloni: HPD ist ein freiwilliger Standard zur Offenlegung von Materialinhalten und damit verbundenen Gesundheitsrisiken und wird häufig im Zusammenhang mit LEED v4 eingesetzt. Declare geht weiter, indem Produktinhalte nach chemischer Bezeichnung und CAS-Nummer offengelegt werden und zugleich Herkunft sowie Lebensende berücksichtigt werden. Beide Systeme verlangen von Herstellern eine detaillierte Erfassung der Lieferkettenchemie. In der Praxis gilt das auch für den Digitalen Produktpass der EU.
furnomics: Wer für HPD oder Declare sauber arbeitet, bereitet sich also automatisch auf den DPP vor?
Andrea Mulloni: Der DPP-Rahmen der ESPR wird Lebenszyklusdaten verlangen, darunter Materialherkunft, Herstellungsprozesse und das Vorhandensein schädlicher Stoffe. Ein Hersteller, der die für HPD oder Declare notwendige Lieferkettenkartierung auf Inhaltsstoffebene bereits aufgebaut hat, hat damit einen großen Teil der Datenarbeit geleistet, die der DPP künftig verlangen wird.
furnomics: Der Unterschied liegt wo?
Andrea Mulloni: Der Unterschied liegt im Schema, im Register und in der Verbindlichkeit – nicht in den zugrunde liegenden Informationen. In den USA ist Transparenz marktgetrieben: HPDs helfen, LEED-v4-Credits zu erreichen, und signalisieren Planern Führungsanspruch. Die Offenlegung bleibt aber freiwillig. In der EU bewegt sich die Entwicklung dagegen in Richtung Marktzugangsvoraussetzung: Der DPP macht Nachhaltigkeitstransparenz auf Produktebene zu einer Anforderung und nicht nur zu einem Differenzierungsmerkmal.
furnomics: Zwei Märkte, ein Datenkern. Ist das der sinnvollste Weg?
Andrea Mulloni: Für eine Marke, die in beiden Kontexten tätig ist, ist der belastbarste Ansatz, global nach dem höheren Standard zu arbeiten und dies als einheitliche, wertebasierte Haltung zu kommunizieren – nicht als bloße Reaktion auf Compliance-Anforderungen. Für Arper bedeutet das, die derzeit laufenden Arbeiten zur DPP-Readiness als Grundlage für HPD- und Declare-Dokumentationen in den USA zu nutzen, statt zwei parallele Prozesse aufzusetzen. Die bereits mit Catifa Carta ausgelieferten QR-Code-basierten Daten zur Produktzusammensetzung werden dabei zum sichtbaren Beleg dieses einheitlichen Ansatzes.
furnomics: Wo ist Arper noch nicht so weit?
Andrea Mulloni: Die intern ehrlich zu benennende Lücke besteht darin, dass eine vollständige HPD- oder Declare-Abdeckung über das gesamte Arper-Portfolio hinweg offenbar noch nicht für alle Kollektionen besteht. Diese Lücke zu schließen, ist kurzfristig eine Verbesserung des Service für Planer – und zugleich die richtige Vorbereitung auf ein regulatorisches Umfeld, das sich auf beiden Seiten des Atlantiks in dieselbe Richtung bewegt.
furnomics: Über Arper hinaus: Welches aktuelle Produkt, Gebäude oder welche Arbeit eines Designers fanden Sie zuletzt wirklich gut – und warum hat sie für Sie funktioniert?
Nicolò Fanzago: Mein Interesse gilt vor allem Initiativen, die wirklich nach vorn schauen und in der Lage sind, über die Tendenz unserer Branche hinauszugehen, sich allzu sehr mit der Feier der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. In diesem Sinne ist nachhaltigkeitsgetriebene Forschung nicht nur wegen ihres möglichen positiven Einflusses auf die Umwelt wichtig, in der wir leben. Sie bleibt auch einer der konkretesten und bedeutendsten Innovationstreiber unserer Zeit.
furnomics: Und woran erkennt man, dass es nicht nur eine kurzlebige Nachhaltigkeitsgeste ist?
Nicolò Fanzago: Das Schlüsselwort ist für mich Kohärenz: die Suche nach klaren, transparenten Wegen, die helfen, das Hintergrundrauschen der vielen oberflächlichen oder kurzlebigen Initiativen in diesem Bereich zu durchdringen. In dieser Hinsicht denke ich zum Beispiel an die bemerkenswerte Konsequenz von Emecos achtzigjährigem Weg, an die inspirierende Ausstellung 1kgCO2e von Emma Olbers und an den disruptiven Innovationsgeist, für den PaperShell steht.





