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Mit dem Wind, nicht dagegen

Atelier L’Abri übersetzt Küstentradition in Gegenwart

26.07.2026 | 8:36

Auf dem Rand des Plateaus erscheint das Magdalen House als kompakter Giebelbau. Die mit Zedernschindeln verkleidete Hülle nimmt Maßstab und Silhouette der Inselarchitektur auf. Fotos: Alex Lesage und Nicolas Lapierre.
Der Essbereich liegt an der verglasten Westfassade. Helle Holzböden, zurückhaltende Einbauten und Leuchten von Luminaire Authentik lassen der Küstenlandschaft die Hauptrolle.
Der Essbereich liegt an der verglasten Westfassade. Helle Holzböden, zurückhaltende Einbauten und Leuchten von Luminaire Authentik lassen der Küstenlandschaft die Hauptrolle.
Große Fenster rahmen den Atlantik wie ein ruhiges Landschaftsbild. Der Essplatz mit Möbeln von Ethnicraft und Leuchten von Luminaire Authentik orientiert sich direkt zum Meer.
Große Fenster rahmen den Atlantik wie ein ruhiges Landschaftsbild. Der Essplatz mit Möbeln von Ethnicraft und Leuchten von Luminaire Authentik orientiert sich direkt zum Meer.

Es gibt Ferienhäuser, die Landschaft als Kulisse benutzen. Das Magdalen House versucht das Gegenteil: Es ordnet sich einer Küste unter, die schön aussieht, konstruktiv aber wenig Romantik verträgt. Wind, Salz, Erosion, empfindliche Dünen und begrenzt belastbare Böden schreiben hier mindestens so kräftig am Entwurf mit wie die Architekten von Atelier L’Abri.

Das 2024 fertiggestellte Haus steht auf einem natürlichen, bereits bewohnten Plateau auf Havre-Aubert Island. Zwischen Gebäude und Atlantik liegen Strand, geschützte Dünen und eine empfindliche Küstenkante. Diese Bereiche wurden bereits während der Vorplanung vermessen und abgegrenzt. Gebaut wurde nicht dort, wo die Aussicht am spektakulärsten gewesen wäre, sondern am Rand des stabileren Geländes.

Teile des Hauses und die große Terrasse ruhen deshalb auf Holzpfählen. Das begrenzt den Aushub, reduziert den Einsatz von Beton und hält die Konstruktion aus den sensibleren Bodenbereichen heraus. Der Blick auf Dünen, Strand und Ozean bleibt dennoch erhalten. Ökologisches Bauen bedeutet hier zunächst nicht, möglichst viele grüne Begriffe zu stapeln, sondern zu wissen, wo man besser nicht baut.

Formal greift das Magdalen House die traditionelle Architektur der Inselgruppe auf. Satteldach, kompakter Baukörper und eineinhalb Geschosse erinnern an die lokale Weiterentwicklung des akadischen Hauses. Atelier L’Abri übernimmt diese Elemente jedoch nicht als historische Verkleidung. Die vertraute Silhouette wird reduziert, konstruktiv angepasst und in eine ruhige, zeitgenössische Form übersetzt.

Zedernschindeln bedecken Dach und Außenwände und sollen mit der Zeit silbergrau verwittern. Terrasse, sichtbare Tragstruktur und Pfähle bestehen aus östlicher Hemlocktanne. Im Inneren dominieren Kiefernholz und nordamerikanischer Naturstein. Die Materialpalette ist knapp gehalten, aber gerade deshalb anspruchsvoll: Wo wenig ablenkt, fallen schlechte Anschlüsse und beliebige Details umso stärker auf.

Die wichtigste Ergänzung zur üblichen Architekturprosa liefert Gründungspartner Nicolas Lapierre mit seiner Beschreibung der Zusammenarbeit vor Ort. Sie war nicht bloß ein sympathischer Zusatz zur Lieferantenliste, sondern Voraussetzung dafür, dass die Positionierung des Hauses überhaupt umgesetzt werden konnte. „Die Zusammenarbeit mit dem lokalen Bauunternehmer half uns dabei, unser Konzept für die Positionierung auf dem Grundstück umsetzbar zu machen“, erklärt Lapierre. Gerade diese Setzung sei entscheidend für das Projekt und seine Beziehung zur Umgebung gewesen.

Die Küche bildet den funktionalen Kern des doppelhohen Wohnraums. Atelier Leblanc fertigte die Einbauten, Polycor lieferte die Arbeitsplatte; die zurückhaltende Materialwahl setzt sich bis zur Galerie fort.
Die Küche bildet den funktionalen Kern des doppelhohen Wohnraums. Atelier Leblanc fertigte die Einbauten, Polycor lieferte die Arbeitsplatte; die zurückhaltende Materialwahl setzt sich bis zur Galerie fort.
Die Küchenarbeitsplatte von Polycor wird mit einer Spüle von Franke und einer Armatur von Kohler kombiniert. Die präzise Materialfügung entspricht der bewusst reduzierten Innenarchitektur.
Die Küchenarbeitsplatte von Polycor wird mit einer Spüle von Franke und einer Armatur von Kohler kombiniert. Die präzise Materialfügung entspricht der bewusst reduzierten Innenarchitektur.
Auf der Galerie treffen weiß gestrichene Holzverkleidungen, ein schlankes Geländer und das schwarze Ofenrohr aufeinander. Der Innenraum übersetzt die einfache Giebelform in eine klare räumliche Geometrie.
Auf der Galerie treffen weiß gestrichene Holzverkleidungen, ein schlankes Geländer und das schwarze Ofenrohr aufeinander. Der Innenraum übersetzt die einfache Giebelform in eine klare räumliche Geometrie.
Die große Terrasse schiebt sich auf Holzpfählen über den Hang. Das erhält den direkten Meerblick und reduziert zugleich Eingriffe in Boden und Vegetation.
Die große Terrasse schiebt sich auf Holzpfählen über den Hang. Das erhält den direkten Meerblick und reduziert zugleich Eingriffe in Boden und Vegetation.

Das lokale Wissen beeinflusste zudem konkrete Entwurfsentscheidungen. Wegen der starken Inselwinde öffnen sich die Fenster nach außen, auch die Art der Dachlüftung wurde an die Erfahrungen mit dem maritimen Klima angepasst. Ebenso wichtig sei es gewesen, lokale Handwerker und Marken einzubeziehen, sagt Lapierre, um das Projekt „an diesem Ort zu verankern und ihm das Gefühl zu geben, als wäre es schon immer da gewesen“.

Damit benennt der Architekt den eigentlichen Kern des Hauses. Kontext entsteht hier nicht nur durch die Form des Daches oder die Farbe der Fassade. Er steckt in der Positionierung, in der Konstruktion, in der Öffnungsrichtung der Fenster und in einer Lüftung, die auf die Bedingungen der Insel reagiert. Lokales Wissen wird nicht illustriert, sondern in Bauteile übersetzt.

Auch der Grundriss folgt dieser kontrollierten Einfachheit. Wohnen, Essen und Kochen orientieren sich nach Westen zum Meer und zur Abendsonne, während die Schlafzimmer Morgenlicht erhalten. Küche, Bad, Nebenräume und die Treppe zur Galerie sind in einem kompakten Kern gebündelt. Der doppelhohe Wohnraum erzeugt Großzügigkeit, ohne den Baukörper weiter auszudehnen. Wobei „klein“ relativ bleibt: Mit 185 Quadratmetern ist das Magdalen House eher diszipliniert geplant als bescheiden.

Auch bei der Ausstattung lässt sich genau benennen, wer welchen Teil beigetragen hat. Luminaire Authentik (Leuchten) lieferte die Beleuchtung aus Québec. Atelier Leblanc (maßgefertigte Einbauten) fertigte die Schreinerarbeiten auf den Magdalen Islands. Ramacieri Soligo (Keramik und Sanitärzubehör) steuerte keramische Oberflächen und Zubehör bei. Polycor (Küchenarbeitsplatte) lieferte die Natursteinfläche der Küche. Ethnicraft (Möbel), Miele (Hausgeräte), Franke (Spüle), Kohler (Armatur) und Jakob Rope Systems (Metallgewebe der äußeren Absturzsicherung) ergänzten das Projekt mit industriell gefertigten Produkten.

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Projekt: Magdalen House

  • Standort: Les Îles-de-la-Madeleine, Québec, Kanada
  • Typologie: Wohnhaus und Ferienhaus
  • Fläche: 185 Quadratmeter
  • Architektur: Atelier L’Abri
  • Projektteam: Stefania Praf, Vincent Pasquier, Nicolas Lapierre und Francis Martel-Labrecque
  • Bauunternehmer: Renaud Vigneau
  • Fertigstellung: 2024
  • Fotografie: Alex Lesage und Nicolas Lapierre
  • Styling: Emmanuelle Roque

Mit dem Wind, nicht dagegen

Atelier L’Abri übersetzt Küstentradition in Gegenwart

26.07.2026 | 8:36
Auf dem Rand des Plateaus erscheint das Magdalen House als kompakter Giebelbau. Die mit Zedernschindeln verkleidete Hülle nimmt Maßstab und Silhouette der Inselarchitektur auf. Fotos: Alex Lesage und Nicolas Lapierre.
Auf dem Rand des Plateaus erscheint das Magdalen House als kompakter Giebelbau. Die mit Zedernschindeln verkleidete Hülle nimmt Maßstab und Silhouette der Inselarchitektur auf. Fotos: Alex Lesage und Nicolas Lapierre.

Es gibt Ferienhäuser, die Landschaft als Kulisse benutzen. Das Magdalen House versucht das Gegenteil: Es ordnet sich einer Küste unter, die schön aussieht, konstruktiv aber wenig Romantik verträgt. Wind, Salz, Erosion, empfindliche Dünen und begrenzt belastbare Böden schreiben hier mindestens so kräftig am Entwurf mit wie die Architekten von Atelier L’Abri.

Das 2024 fertiggestellte Haus steht auf einem natürlichen, bereits bewohnten Plateau auf Havre-Aubert Island. Zwischen Gebäude und Atlantik liegen Strand, geschützte Dünen und eine empfindliche Küstenkante. Diese Bereiche wurden bereits während der Vorplanung vermessen und abgegrenzt. Gebaut wurde nicht dort, wo die Aussicht am spektakulärsten gewesen wäre, sondern am Rand des stabileren Geländes.

Teile des Hauses und die große Terrasse ruhen deshalb auf Holzpfählen. Das begrenzt den Aushub, reduziert den Einsatz von Beton und hält die Konstruktion aus den sensibleren Bodenbereichen heraus. Der Blick auf Dünen, Strand und Ozean bleibt dennoch erhalten. Ökologisches Bauen bedeutet hier zunächst nicht, möglichst viele grüne Begriffe zu stapeln, sondern zu wissen, wo man besser nicht baut.

Formal greift das Magdalen House die traditionelle Architektur der Inselgruppe auf. Satteldach, kompakter Baukörper und eineinhalb Geschosse erinnern an die lokale Weiterentwicklung des akadischen Hauses. Atelier L’Abri übernimmt diese Elemente jedoch nicht als historische Verkleidung. Die vertraute Silhouette wird reduziert, konstruktiv angepasst und in eine ruhige, zeitgenössische Form übersetzt.

Zedernschindeln bedecken Dach und Außenwände und sollen mit der Zeit silbergrau verwittern. Terrasse, sichtbare Tragstruktur und Pfähle bestehen aus östlicher Hemlocktanne. Im Inneren dominieren Kiefernholz und nordamerikanischer Naturstein. Die Materialpalette ist knapp gehalten, aber gerade deshalb anspruchsvoll: Wo wenig ablenkt, fallen schlechte Anschlüsse und beliebige Details umso stärker auf.

Die wichtigste Ergänzung zur üblichen Architekturprosa liefert Gründungspartner Nicolas Lapierre mit seiner Beschreibung der Zusammenarbeit vor Ort. Sie war nicht bloß ein sympathischer Zusatz zur Lieferantenliste, sondern Voraussetzung dafür, dass die Positionierung des Hauses überhaupt umgesetzt werden konnte. „Die Zusammenarbeit mit dem lokalen Bauunternehmer half uns dabei, unser Konzept für die Positionierung auf dem Grundstück umsetzbar zu machen“, erklärt Lapierre. Gerade diese Setzung sei entscheidend für das Projekt und seine Beziehung zur Umgebung gewesen.

Das lokale Wissen beeinflusste zudem konkrete Entwurfsentscheidungen. Wegen der starken Inselwinde öffnen sich die Fenster nach außen, auch die Art der Dachlüftung wurde an die Erfahrungen mit dem maritimen Klima angepasst. Ebenso wichtig sei es gewesen, lokale Handwerker und Marken einzubeziehen, sagt Lapierre, um das Projekt „an diesem Ort zu verankern und ihm das Gefühl zu geben, als wäre es schon immer da gewesen“.

Damit benennt der Architekt den eigentlichen Kern des Hauses. Kontext entsteht hier nicht nur durch die Form des Daches oder die Farbe der Fassade. Er steckt in der Positionierung, in der Konstruktion, in der Öffnungsrichtung der Fenster und in einer Lüftung, die auf die Bedingungen der Insel reagiert. Lokales Wissen wird nicht illustriert, sondern in Bauteile übersetzt.

Auch der Grundriss folgt dieser kontrollierten Einfachheit. Wohnen, Essen und Kochen orientieren sich nach Westen zum Meer und zur Abendsonne, während die Schlafzimmer Morgenlicht erhalten. Küche, Bad, Nebenräume und die Treppe zur Galerie sind in einem kompakten Kern gebündelt. Der doppelhohe Wohnraum erzeugt Großzügigkeit, ohne den Baukörper weiter auszudehnen. Wobei „klein“ relativ bleibt: Mit 185 Quadratmetern ist das Magdalen House eher diszipliniert geplant als bescheiden.

Auch bei der Ausstattung lässt sich genau benennen, wer welchen Teil beigetragen hat. Luminaire Authentik (Leuchten) lieferte die Beleuchtung aus Québec. Atelier Leblanc (maßgefertigte Einbauten) fertigte die Schreinerarbeiten auf den Magdalen Islands. Ramacieri Soligo (Keramik und Sanitärzubehör) steuerte keramische Oberflächen und Zubehör bei. Polycor (Küchenarbeitsplatte) lieferte die Natursteinfläche der Küche. Ethnicraft (Möbel), Miele (Hausgeräte), Franke (Spüle), Kohler (Armatur) und Jakob Rope Systems (Metallgewebe der äußeren Absturzsicherung) ergänzten das Projekt mit industriell gefertigten Produkten.

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  • Projekt: Magdalen House
  • Standort: Les Îles-de-la-Madeleine, Québec, Kanada
  • Typologie: Wohnhaus und Ferienhaus
  • Fläche: 185 Quadratmeter
  • Architektur: Atelier L’Abri
  • Projektteam: Stefania Praf, Vincent Pasquier, Nicolas Lapierre und Francis Martel-Labrecque
  • Bauunternehmer: Renaud Vigneau
  • Fertigstellung: 2024
  • Fotografie: Alex Lesage und Nicolas Lapierre
  • Styling: Emmanuelle Roque
Die Küche bildet den funktionalen Kern des doppelhohen Wohnraums. Atelier Leblanc fertigte die Einbauten, Polycor lieferte die Arbeitsplatte; die zurückhaltende Materialwahl setzt sich bis zur Galerie fort.
Die Küche bildet den funktionalen Kern des doppelhohen Wohnraums. Atelier Leblanc fertigte die Einbauten, Polycor lieferte die Arbeitsplatte; die zurückhaltende Materialwahl setzt sich bis zur Galerie fort.
Die Küchenarbeitsplatte von Polycor wird mit einer Spüle von Franke und einer Armatur von Kohler kombiniert. Die präzise Materialfügung entspricht der bewusst reduzierten Innenarchitektur.
Die Küchenarbeitsplatte von Polycor wird mit einer Spüle von Franke und einer Armatur von Kohler kombiniert. Die präzise Materialfügung entspricht der bewusst reduzierten Innenarchitektur.
Auf der Galerie treffen weiß gestrichene Holzverkleidungen, ein schlankes Geländer und das schwarze Ofenrohr aufeinander. Der Innenraum übersetzt die einfache Giebelform in eine klare räumliche Geometrie.
Auf der Galerie treffen weiß gestrichene Holzverkleidungen, ein schlankes Geländer und das schwarze Ofenrohr aufeinander. Der Innenraum übersetzt die einfache Giebelform in eine klare räumliche Geometrie.