Mit dem Wind, nicht dagegen
Atelier L’Abri übersetzt Küstentradition in Gegenwart
Es gibt Ferienhäuser, die Landschaft als Kulisse benutzen. Das Magdalen House versucht das Gegenteil: Es ordnet sich einer Küste unter, die schön aussieht, konstruktiv aber wenig Romantik verträgt. Wind, Salz, Erosion, empfindliche Dünen und begrenzt belastbare Böden schreiben hier mindestens so kräftig am Entwurf mit wie die Architekten von Atelier L’Abri.
Das 2024 fertiggestellte Haus steht auf einem natürlichen, bereits bewohnten Plateau auf Havre-Aubert Island. Zwischen Gebäude und Atlantik liegen Strand, geschützte Dünen und eine empfindliche Küstenkante. Diese Bereiche wurden bereits während der Vorplanung vermessen und abgegrenzt. Gebaut wurde nicht dort, wo die Aussicht am spektakulärsten gewesen wäre, sondern am Rand des stabileren Geländes.
Teile des Hauses und die große Terrasse ruhen deshalb auf Holzpfählen. Das begrenzt den Aushub, reduziert den Einsatz von Beton und hält die Konstruktion aus den sensibleren Bodenbereichen heraus. Der Blick auf Dünen, Strand und Ozean bleibt dennoch erhalten. Ökologisches Bauen bedeutet hier zunächst nicht, möglichst viele grüne Begriffe zu stapeln, sondern zu wissen, wo man besser nicht baut.
Formal greift das Magdalen House die traditionelle Architektur der Inselgruppe auf. Satteldach, kompakter Baukörper und eineinhalb Geschosse erinnern an die lokale Weiterentwicklung des akadischen Hauses. Atelier L’Abri übernimmt diese Elemente jedoch nicht als historische Verkleidung. Die vertraute Silhouette wird reduziert, konstruktiv angepasst und in eine ruhige, zeitgenössische Form übersetzt.
Zedernschindeln bedecken Dach und Außenwände und sollen mit der Zeit silbergrau verwittern. Terrasse, sichtbare Tragstruktur und Pfähle bestehen aus östlicher Hemlocktanne. Im Inneren dominieren Kiefernholz und nordamerikanischer Naturstein. Die Materialpalette ist knapp gehalten, aber gerade deshalb anspruchsvoll: Wo wenig ablenkt, fallen schlechte Anschlüsse und beliebige Details umso stärker auf.
Die wichtigste Ergänzung zur üblichen Architekturprosa liefert Gründungspartner Nicolas Lapierre mit seiner Beschreibung der Zusammenarbeit vor Ort. Sie war nicht bloß ein sympathischer Zusatz zur Lieferantenliste, sondern Voraussetzung dafür, dass die Positionierung des Hauses überhaupt umgesetzt werden konnte. „Die Zusammenarbeit mit dem lokalen Bauunternehmer half uns dabei, unser Konzept für die Positionierung auf dem Grundstück umsetzbar zu machen“, erklärt Lapierre. Gerade diese Setzung sei entscheidend für das Projekt und seine Beziehung zur Umgebung gewesen.
Das lokale Wissen beeinflusste zudem konkrete Entwurfsentscheidungen. Wegen der starken Inselwinde öffnen sich die Fenster nach außen, auch die Art der Dachlüftung wurde an die Erfahrungen mit dem maritimen Klima angepasst. Ebenso wichtig sei es gewesen, lokale Handwerker und Marken einzubeziehen, sagt Lapierre, um das Projekt „an diesem Ort zu verankern und ihm das Gefühl zu geben, als wäre es schon immer da gewesen“.
Damit benennt der Architekt den eigentlichen Kern des Hauses. Kontext entsteht hier nicht nur durch die Form des Daches oder die Farbe der Fassade. Er steckt in der Positionierung, in der Konstruktion, in der Öffnungsrichtung der Fenster und in einer Lüftung, die auf die Bedingungen der Insel reagiert. Lokales Wissen wird nicht illustriert, sondern in Bauteile übersetzt.
Auch der Grundriss folgt dieser kontrollierten Einfachheit. Wohnen, Essen und Kochen orientieren sich nach Westen zum Meer und zur Abendsonne, während die Schlafzimmer Morgenlicht erhalten. Küche, Bad, Nebenräume und die Treppe zur Galerie sind in einem kompakten Kern gebündelt. Der doppelhohe Wohnraum erzeugt Großzügigkeit, ohne den Baukörper weiter auszudehnen. Wobei „klein“ relativ bleibt: Mit 185 Quadratmetern ist das Magdalen House eher diszipliniert geplant als bescheiden.
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Projekt: Magdalen House
- Standort: Les Îles-de-la-Madeleine, Québec, Kanada
- Typologie: Wohnhaus und Ferienhaus
- Fläche: 185 Quadratmeter
- Architektur: Atelier L’Abri
- Projektteam: Stefania Praf, Vincent Pasquier, Nicolas Lapierre und Francis Martel-Labrecque
- Bauunternehmer: Renaud Vigneau
- Fertigstellung: 2024
- Fotografie: Alex Lesage und Nicolas Lapierre
- Styling: Emmanuelle Roque
Mit dem Wind, nicht dagegen
Atelier L’Abri übersetzt Küstentradition in Gegenwart

Es gibt Ferienhäuser, die Landschaft als Kulisse benutzen. Das Magdalen House versucht das Gegenteil: Es ordnet sich einer Küste unter, die schön aussieht, konstruktiv aber wenig Romantik verträgt. Wind, Salz, Erosion, empfindliche Dünen und begrenzt belastbare Böden schreiben hier mindestens so kräftig am Entwurf mit wie die Architekten von Atelier L’Abri.
Das 2024 fertiggestellte Haus steht auf einem natürlichen, bereits bewohnten Plateau auf Havre-Aubert Island. Zwischen Gebäude und Atlantik liegen Strand, geschützte Dünen und eine empfindliche Küstenkante. Diese Bereiche wurden bereits während der Vorplanung vermessen und abgegrenzt. Gebaut wurde nicht dort, wo die Aussicht am spektakulärsten gewesen wäre, sondern am Rand des stabileren Geländes.
Teile des Hauses und die große Terrasse ruhen deshalb auf Holzpfählen. Das begrenzt den Aushub, reduziert den Einsatz von Beton und hält die Konstruktion aus den sensibleren Bodenbereichen heraus. Der Blick auf Dünen, Strand und Ozean bleibt dennoch erhalten. Ökologisches Bauen bedeutet hier zunächst nicht, möglichst viele grüne Begriffe zu stapeln, sondern zu wissen, wo man besser nicht baut.
Formal greift das Magdalen House die traditionelle Architektur der Inselgruppe auf. Satteldach, kompakter Baukörper und eineinhalb Geschosse erinnern an die lokale Weiterentwicklung des akadischen Hauses. Atelier L’Abri übernimmt diese Elemente jedoch nicht als historische Verkleidung. Die vertraute Silhouette wird reduziert, konstruktiv angepasst und in eine ruhige, zeitgenössische Form übersetzt.
Zedernschindeln bedecken Dach und Außenwände und sollen mit der Zeit silbergrau verwittern. Terrasse, sichtbare Tragstruktur und Pfähle bestehen aus östlicher Hemlocktanne. Im Inneren dominieren Kiefernholz und nordamerikanischer Naturstein. Die Materialpalette ist knapp gehalten, aber gerade deshalb anspruchsvoll: Wo wenig ablenkt, fallen schlechte Anschlüsse und beliebige Details umso stärker auf.
Die wichtigste Ergänzung zur üblichen Architekturprosa liefert Gründungspartner Nicolas Lapierre mit seiner Beschreibung der Zusammenarbeit vor Ort. Sie war nicht bloß ein sympathischer Zusatz zur Lieferantenliste, sondern Voraussetzung dafür, dass die Positionierung des Hauses überhaupt umgesetzt werden konnte. „Die Zusammenarbeit mit dem lokalen Bauunternehmer half uns dabei, unser Konzept für die Positionierung auf dem Grundstück umsetzbar zu machen“, erklärt Lapierre. Gerade diese Setzung sei entscheidend für das Projekt und seine Beziehung zur Umgebung gewesen.
Das lokale Wissen beeinflusste zudem konkrete Entwurfsentscheidungen. Wegen der starken Inselwinde öffnen sich die Fenster nach außen, auch die Art der Dachlüftung wurde an die Erfahrungen mit dem maritimen Klima angepasst. Ebenso wichtig sei es gewesen, lokale Handwerker und Marken einzubeziehen, sagt Lapierre, um das Projekt „an diesem Ort zu verankern und ihm das Gefühl zu geben, als wäre es schon immer da gewesen“.
Damit benennt der Architekt den eigentlichen Kern des Hauses. Kontext entsteht hier nicht nur durch die Form des Daches oder die Farbe der Fassade. Er steckt in der Positionierung, in der Konstruktion, in der Öffnungsrichtung der Fenster und in einer Lüftung, die auf die Bedingungen der Insel reagiert. Lokales Wissen wird nicht illustriert, sondern in Bauteile übersetzt.
Auch der Grundriss folgt dieser kontrollierten Einfachheit. Wohnen, Essen und Kochen orientieren sich nach Westen zum Meer und zur Abendsonne, während die Schlafzimmer Morgenlicht erhalten. Küche, Bad, Nebenräume und die Treppe zur Galerie sind in einem kompakten Kern gebündelt. Der doppelhohe Wohnraum erzeugt Großzügigkeit, ohne den Baukörper weiter auszudehnen. Wobei „klein“ relativ bleibt: Mit 185 Quadratmetern ist das Magdalen House eher diszipliniert geplant als bescheiden.
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- Projekt: Magdalen House
- Standort: Les Îles-de-la-Madeleine, Québec, Kanada
- Typologie: Wohnhaus und Ferienhaus
- Fläche: 185 Quadratmeter
- Architektur: Atelier L’Abri
- Projektteam: Stefania Praf, Vincent Pasquier, Nicolas Lapierre und Francis Martel-Labrecque
- Bauunternehmer: Renaud Vigneau
- Fertigstellung: 2024
- Fotografie: Alex Lesage und Nicolas Lapierre
- Styling: Emmanuelle Roque






