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Ein Haus gegen den Lärm

Holzrausch reduziert radikal

25.03.2026 | 17:36

Offen, ruhig, präzise: Der Wohnbereich öffnet sich zum Innenhof – Material und Licht übernehmen die Inszenierung. Foto: Salva López
Wohnen, Essen, Kochen – ein Raum: Eiche, Putz und klare Linien verbinden die Funktionen zu einer ruhigen Einheit. Foto: Salva López
Wohnen, Essen, Kochen – ein Raum: Eiche, Putz und klare Linien verbinden die Funktionen zu einer ruhigen Einheit. Foto: Salva López
Reduktion auf das Wesentliche: Küche als ruhiger Block aus Stein und Edelstahl. Foto: Salva López
Reduktion auf das Wesentliche: Küche als ruhiger Block aus Stein und Edelstahl. Foto: Salva López

Paris kann vieles. Vor allem: laut sein, eng, voll. Permanent auf Sendung. Das 11. Arrondissement, das ist einer dieser Stadtteile, die nicht aufhören, sich selbst zu verdichten. Und genau hier versteckt sich – hinter einem Tor, durch einen langgezogenen Hof, fast schon trotzig – ein Haus, das mit all dem nichts zu tun haben will.

Die Inneneinrichtung dort hat Holzrausch umgesetzt.

Die Münchner machen seit Jahren genau das, was viele gerne behaupten, aber nur wenige wirklich durchziehen: Sie denken Innenarchitektur nicht als Styling, sondern als System. Planung, Konstruktion, Fertigung – alles unter einem Dach. Tobias Petri und Sven Petzold haben das vor rund 20 Jahren gestartet, damals noch als Schreiner mit einer ziemlich unmodernen Idee: selbst entwerfen statt nur ausführen. Heute klingt das selbstverständlich. Damals war es eher… sagen wir: mutig.

Ein Kunde ohne Deko-Drang

Und jetzt also Paris. Und der Kunde? Ehemaliges Model, Galerist, kreativ. Also genau die Sorte Mensch, bei der man erwarten würde: Kunst, Statements, Sammlerstücke, vielleicht ein bisschen zu viel von allem. Stattdessen: das Gegenteil. Keine Bilder. Keine Objekte. Keine „Ich war auf der Art Basel“-Attitüde. Ruhe. Einfach nur Ruhe.

Petri formuliert das höflich. Man könnte auch sagen: Endlich mal jemand, der sich traut, nichts zu wollen.

Das Ergebnis ist entsprechend radikal. Vier Materialien. Eiche, Putz, Stein, Edelstahl in der Küche. Fertig. Kein Materialfetisch, kein Oberflächen-Zirkus, kein „wir haben hier noch ein besonderes Finish entdeckt“. Wer heute noch glaubt, Minimalismus sei einfach, sollte sich dieses Haus anschauen. Reduktion ist brutal. Sie verzeiht nichts. Jede Fuge, jede Kante, jede Entscheidung steht plötzlich im Rampenlicht. Ein konsequenter Materialeinsatz, wie man ihn zuletzt auch bei Pulpo gesehen hat

Planung trifft Werkstatt

Und genau hier spielt Holzrausch seine eigentliche Stärke aus: die Nähe zwischen Entwurf und Umsetzung. „Viele Kunden kommen direkt zu uns, weil der Weg von der Planung bis zur Fertigung extrem kurz ist“, sagt Petri. Klingt unspektakulär, ist aber der entscheidende Unterschied. Wer plant und selbst baut, kann sich keine Ausreden leisten.

Das Haus selbst folgt keiner spektakulären Geste. Vier Ebenen, etwa 3.800 square feet, also rund 350 Quadratmeter. Ein L-förmiger Grundriss, alle Fenster zum Innenhof. Klingt erstmal wie ein Problem. Ist es auch.

Also kommt das Licht von oben.

Und plötzlich passiert etwas Interessantes. Die Treppe – oft das ungeliebte Pflichtprogramm zwischen zwei Geschossen – wird zum zentralen Element. Geschwungen, skulptural, fast ein bisschen dramatisch, ohne laut zu werden. Sie verteilt Licht über alle Ebenen, organisiert den Raum, hält das Haus zusammen. Rückgrat trifft Lichtmaschine.

Das ist typisch Holzrausch. Die denken nicht in Möbeln, sondern in Strukturen. Schon bei ihren Küchenprojekten wie etwa J*GAST ging es nie nur um Fronten oder Geräte, sondern um Konstruktion als gestalterisches Prinzip. Rahmen sichtbar lassen, Systeme ehrlich zeigen, nichts verkleiden, was man auch verstehen kann.

Konstruktion als Gestaltung: Die Treppe zeigt, wie Holzrausch aus Funktion Form macht. Foto: Salva López
Konstruktion als Gestaltung: Die Treppe zeigt, wie Holzrausch aus Funktion Form macht. Foto: Salva López
Das Rückgrat des Hauses: Die skulpturale Treppe verbindet Ebenen, Räume und Licht. Foto: Salva López
Das Rückgrat des Hauses: Die skulpturale Treppe verbindet Ebenen, Räume und Licht. Foto: Salva López
Versteckte Oase: Der Innenhof bringt Licht und Ruhe in ein dicht gebautes Pariser Gefüge. Foto: Salva López
Versteckte Oase: Der Innenhof bringt Licht und Ruhe in ein dicht gebautes Pariser Gefüge. Foto: Salva López
Alles da, nichts zu viel: Die Küchenzeile verschwindet fast – und bleibt trotzdem präsent. Foto: Salva López
Alles da, nichts zu viel: Die Küchenzeile verschwindet fast – und bleibt trotzdem präsent. Foto: Salva López

In Paris wird diese Haltung konsequent weitergedreht. Möbel verschwinden. Geräte auch. Alles ist integriert, eingebaut, reduziert. Man muss schon genau hinschauen, um überhaupt zu erkennen, wo hier eigentlich „Design“ stattfindet. Eigentlich überall und gleichzeitig nirgends.

Interessant wird es bei den Details. Die Betonböden bleiben. Die Fassade wird neu gedacht. Oberlichter werden gesetzt, weil das Haus sonst im eigenen Innenhof ersticken würde. Handwerker kommen aus halb Europa: Putz aus Italien, massive Eichenböden aus Dänemark, Licht ebenfalls aus Dänemark. Klingt nach logistischer Herausforderung. Ist es auch. Aber genau dieses Zusammenspiel sorgt dafür, dass das Projekt nicht nach „global sourcing“, sondern nach Einheit aussieht.

Anti-Instagram in Holz

Kurz: Was man hier sieht, ist kein Zufall, sondern Kontrolle. Und Kontrolle ist im Luxussegment ohnehin das eigentliche Statussymbol. Nicht Gold. Nicht Marmor. Sondern die Fähigkeit, Dinge wegzulassen. Holzrausch kann das. Vielleicht, weil sie aus dem Handwerk kommen. Vielleicht, weil sie nie den Umweg über reines Designmarketing genommen haben. Vielleicht auch, weil sie wissen, wie viel Arbeit hinter scheinbarer Einfachheit steckt.

Man könnte jetzt sagen: Das ist alles sehr konsequent. Sehr durchdacht. Sehr hochwertig.

Stimmt.

Man könnte aber auch sagen: Endlich mal ein Haus, das nicht versucht, dich zu beeindrucken. Und genau deshalb funktioniert es.

Denn während draußen Paris weiter aufdreht, bleibt es hier drinnen still. Keine Bilder, keine Dekoration, kein visuelles Dauerfeuer. Nur Raum, Material, Licht. Und ein ziemlich klares Statement gegen alles, was gerade als „Interior Trend“ durch die sozialen Netzwerke gejagt wird. Oder anders gesagt: Dieses Haus ist das Gegenteil von Instagram. Und vielleicht ist genau das gerade das Modernste daran.

 

Projektangaben

Projekt: Private Townhouse in Paris
Ort: Paris, Frankreich
Fertigstellung: 2025
Interior Design: Holzrausch Studio
Ausführung / Produktion: Holzrausch
Fotografie: Salva López
Materialien: Eiche, Putz, Stein, Edelstahl

Ein Haus gegen den Lärm

Holzrausch reduziert radikal

25.03.2026 | 17:36
Offen, ruhig, präzise: Der Wohnbereich öffnet sich zum Innenhof – Material und Licht übernehmen die Inszenierung. Foto: Salva López
Offen, ruhig, präzise: Der Wohnbereich öffnet sich zum Innenhof – Material und Licht übernehmen die Inszenierung. Foto: Salva López

Paris kann vieles. Vor allem: laut sein, eng, voll. Permanent auf Sendung. Das 11. Arrondissement, das ist einer dieser Stadtteile, die nicht aufhören, sich selbst zu verdichten. Und genau hier versteckt sich – hinter einem Tor, durch einen langgezogenen Hof, fast schon trotzig – ein Haus, das mit all dem nichts zu tun haben will.

Die Inneneinrichtung dort hat Holzrausch umgesetzt.

Die Münchner machen seit Jahren genau das, was viele gerne behaupten, aber nur wenige wirklich durchziehen: Sie denken Innenarchitektur nicht als Styling, sondern als System. Planung, Konstruktion, Fertigung – alles unter einem Dach. Tobias Petri und Sven Petzold haben das vor rund 20 Jahren gestartet, damals noch als Schreiner mit einer ziemlich unmodernen Idee: selbst entwerfen statt nur ausführen. Heute klingt das selbstverständlich. Damals war es eher… sagen wir: mutig.

Ein Kunde ohne Deko-Drang

Und jetzt also Paris. Und der Kunde? Ehemaliges Model, Galerist, kreativ. Also genau die Sorte Mensch, bei der man erwarten würde: Kunst, Statements, Sammlerstücke, vielleicht ein bisschen zu viel von allem. Stattdessen: das Gegenteil. Keine Bilder. Keine Objekte. Keine „Ich war auf der Art Basel“-Attitüde. Ruhe. Einfach nur Ruhe.

Petri formuliert das höflich. Man könnte auch sagen: Endlich mal jemand, der sich traut, nichts zu wollen.

Das Ergebnis ist entsprechend radikal. Vier Materialien. Eiche, Putz, Stein, Edelstahl in der Küche. Fertig. Kein Materialfetisch, kein Oberflächen-Zirkus, kein „wir haben hier noch ein besonderes Finish entdeckt“. Wer heute noch glaubt, Minimalismus sei einfach, sollte sich dieses Haus anschauen. Reduktion ist brutal. Sie verzeiht nichts. Jede Fuge, jede Kante, jede Entscheidung steht plötzlich im Rampenlicht.

Planung trifft Werkstatt

Und genau hier spielt Holzrausch seine eigentliche Stärke aus: die Nähe zwischen Entwurf und Umsetzung. „Viele Kunden kommen direkt zu uns, weil der Weg von der Planung bis zur Fertigung extrem kurz ist“, sagt Petri. Klingt unspektakulär, ist aber der entscheidende Unterschied. Wer plant und selbst baut, kann sich keine Ausreden leisten.

Das Haus selbst folgt keiner spektakulären Geste. Vier Ebenen, etwa 3.800 square feet, also rund 350 Quadratmeter. Ein L-förmiger Grundriss, alle Fenster zum Innenhof. Klingt erstmal wie ein Problem. Ist es auch.

Also kommt das Licht von oben.

Und plötzlich passiert etwas Interessantes. Die Treppe – oft das ungeliebte Pflichtprogramm zwischen zwei Geschossen – wird zum zentralen Element. Geschwungen, skulptural, fast ein bisschen dramatisch, ohne laut zu werden. Sie verteilt Licht über alle Ebenen, organisiert den Raum, hält das Haus zusammen. Rückgrat trifft Lichtmaschine.

Das ist typisch Holzrausch. Die denken nicht in Möbeln, sondern in Strukturen. Schon bei ihren Küchenprojekten wie etwa J*GAST ging es nie nur um Fronten oder Geräte, sondern um Konstruktion als gestalterisches Prinzip. Rahmen sichtbar lassen, Systeme ehrlich zeigen, nichts verkleiden, was man auch verstehen kann.

In Paris wird diese Haltung konsequent weitergedreht. Möbel verschwinden. Geräte auch. Alles ist integriert, eingebaut, reduziert. Man muss schon genau hinschauen, um überhaupt zu erkennen, wo hier eigentlich „Design“ stattfindet. Eigentlich überall und gleichzeitig nirgends.

Interessant wird es bei den Details. Die Betonböden bleiben. Die Fassade wird neu gedacht. Oberlichter werden gesetzt, weil das Haus sonst im eigenen Innenhof ersticken würde. Handwerker kommen aus halb Europa: Putz aus Italien, massive Eichenböden aus Dänemark, Licht ebenfalls aus Dänemark. Klingt nach logistischer Herausforderung. Ist es auch. Aber genau dieses Zusammenspiel sorgt dafür, dass das Projekt nicht nach „global sourcing“, sondern nach Einheit aussieht.

Anti-Instagram in Holz

Kurz: Was man hier sieht, ist kein Zufall, sondern Kontrolle. Und Kontrolle ist im Luxussegment ohnehin das eigentliche Statussymbol. Nicht Gold. Nicht Marmor. Sondern die Fähigkeit, Dinge wegzulassen. Holzrausch kann das. Vielleicht, weil sie aus dem Handwerk kommen. Vielleicht, weil sie nie den Umweg über reines Designmarketing genommen haben. Vielleicht auch, weil sie wissen, wie viel Arbeit hinter scheinbarer Einfachheit steckt.

Man könnte jetzt sagen: Das ist alles sehr konsequent. Sehr durchdacht. Sehr hochwertig.

Stimmt.

Man könnte aber auch sagen: Endlich mal ein Haus, das nicht versucht, dich zu beeindrucken. Und genau deshalb funktioniert es.

Denn während draußen Paris weiter aufdreht, bleibt es hier drinnen still. Keine Bilder, keine Dekoration, kein visuelles Dauerfeuer. Nur Raum, Material, Licht. Und ein ziemlich klares Statement gegen alles, was gerade als „Interior Trend“ durch die sozialen Netzwerke gejagt wird. Oder anders gesagt: Dieses Haus ist das Gegenteil von Instagram. Und vielleicht ist genau das gerade das Modernste daran.

 

Konstruktion als Gestaltung: Die Treppe zeigt, wie Holzrausch aus Funktion Form macht. Foto: Salva López
Konstruktion als Gestaltung: Die Treppe zeigt, wie Holzrausch aus Funktion Form macht. Foto: Salva López
Das Rückgrat des Hauses: Die skulpturale Treppe verbindet Ebenen, Räume und Licht. Foto: Salva López
Das Rückgrat des Hauses: Die skulpturale Treppe verbindet Ebenen, Räume und Licht. Foto: Salva López
Versteckte Oase: Der Innenhof bringt Licht und Ruhe in ein dicht gebautes Pariser Gefüge. Foto: Salva López
Versteckte Oase: Der Innenhof bringt Licht und Ruhe in ein dicht gebautes Pariser Gefüge. Foto: Salva López