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Weniger Produkt, mehr System

Mailand denkt das Contract-Geschäft neu

24.04.2026 | 14:43

Als am Dienstag in Mailand die Regierungschefin, der Senatspräsident und beide Vizepremiers nacheinander auf einer Möbelmesse erschienen, hatte das erstmal wenig mit Stühlen, Schränken oder Polstermöbeln zu tun. Außenminister Antonio Tajani und Senatspräsident Ignazio La Russa schnitten am 21. April um 10:30 Uhr in der Fiera Milano Rho das Band der 64. Ausgabe des Salone del Mobile durch. Gegen 13 Uhr stieß Premierministerin Giorgia Meloni hinzu und blieb rund zwei Stunden, am frühen Nachmittag folgte Vizepremier Matteo Salvini. Ein politisches Aufgebot, das in Italien sonst Staatsbesuchen vorbehalten ist. Tajani verlieh Salone-Präsidentin Maria Porro den staatlich vergebenen Titel „Ambasciatore del design italiano nel mondo" und unterzeichnete mit FederlegnoArredo eine Rahmenvereinbarung zwischen Außenministerium und Möbelverband. Meloni lieferte am Pressetermin die Begründung dieser Aufmerksamkeit: über 50 Milliarden Euro Umsatz, 2,3 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts, 300.000 Beschäftigte. In Rom ist die Möbelbranche Staatsangelegenheit – nicht trotz der instabilen Lage, sondern wegen ihr.

Genau dieser industriepolitischen Aufladung entspricht eine inhaltliche Operation, mit der die Messe selbst auf die Krise antwortet. Auf der Vortragsliste in Pavillon 14 stand am Mittwoch ein Pritzker-Preisträger. Auf der Bühne saß der Europa-Editor von Monocle. Im Hintergrund holt das Mailänder Messehaus mit Unterstützung der italienischen Außenhandelsagentur ITA 250 selektierte internationale Top-Player aus dem Objektgeschäft an die Fiera. Eine Möbelmesse, die so viel Aufwand in ihr Rahmenprogramm steckt, hat entweder ein Aufmerksamkeitsproblem – oder einen Plan. Im Falle des Salone del Mobile ist es Letzteres, und er trägt den Namen Salone Contract. Dass die 64. Ausgabe der Mailänder Messe die 169.000 Quadratmeter Hallenfläche bei vollen 1.900 Ausstellern aus 32 Ländern restlos verkauft hat, gehört zum erwartbaren Pflichtbestand. Bemerkenswert ist eher, was die Veranstalterin Federlegno Arredo Eventi in dieses ausverkaufte Haus zusätzlich hineingebaut hat: eine mehrjährige strategische Initiative, deren eigentliches Format erst 2027 debütiert.

Die Choreografie der Vorbereitungsphase folgt einer ungewohnten Logik. Den Masterplan zeichnen Rem Koolhaas und David Gianotten von OMA – also ein Architekturbüro, kein Messeberater. Am 22. April präsentierte Koolhaas im Drafting Futures Arena seine „Current Preoccupations", flankiert vom Eröffnungspanel „Contract Sector Opportunities in a Transforming Industry" unter Moderation von Ed Stocker (Monocle) und einer Abschlussrunde, die Christele Harrouk (ArchDaily) leitete. Parallel führt ein thematischer Rundgang durch jene Aussteller, die bereits im Objektgeschäft tätig sind. Ab September 2026 verlagert sich das Vorhaben in eine internationale Roadshow durch Schlüsselregionen für Großprojekte und Giga-Vorhaben; im April 2027 folgt die erste vollständige Ausgabe samt dreitägigem Salone Contract Forum mit B2B-Programm. Lokaler Partner für 2027 ist das Mailänder Büro PMP Architecture. Was sich hier ankündigt, ist nicht ein zusätzliches Sub-Format, sondern der Versuch, dem internationalen Contract-Geschäft eine eigene messeökonomische Bühne zu bauen – jenseits der bestehenden Hallen für Wohn-, Küchen- und Badmöbel.

Die wirtschaftliche Begründung liegt in einer Verschiebung, die bei den großen Herstellern längst angekommen ist und die Maria Porro mit dem griffigen Satz von der „Verschiebung von der Produkt- zur Projektkultur" zu fassen versucht. Übersetzt heißt das: Wertschöpfung entsteht im Contract-Segment zunehmend nicht mehr über das einzelne Möbel, sondern über die Integration von Systemen, Daten, Logistik und Service. Die von OMA referenzierte Studie „Emerging Trends in Real Estate 2026" von PwC und Urban Land Institute ordnet die Bewegung quantitativ ein: Den volumengrößten Teilbereich stellt nach wie vor der Bürosektor, die stabilsten Wachstumsraten zwischen 2018 und 2024 verzeichneten dagegen die Bereiche High-End-Hotellerie, Bildung, Gesundheit und Schiffsinterieur – Letzterer gestützt durch die Erholung des Kreuzfahrtgeschäfts und die anhaltende Nachfrage des Yacht- und Superyacht-Segments nach maßgeschneiderten Einrichtungen. Vor dem Hintergrund einer italienischen Holz- und Möbel-Lieferkette, die 2025 zwar einen Umsatz von über 52 Milliarden Euro auswies, ihre Wachstumsstory aber gegen Zölle, Inflation und einen eskalierenden Nahost-Konflikt verteidigen muss, ist die Logik des Auftritts erkennbar: Die Branche braucht eine Erzählung, die größer ist als der einzelne Stuhl. Für Architekten und Planer im internationalen Objektgeschäft heißt das: Die zentrale europäische Branchenmesse hört auf, sich primär als Möbelmesse zu denken – ein Vorgang, der die nächsten zwei Saisons prägen dürfte.

Weniger Produkt, mehr System

Mailand denkt das Contract-Geschäft neu

24.04.2026 | 14:43

Als am Dienstag in Mailand die Regierungschefin, der Senatspräsident und beide Vizepremiers nacheinander auf einer Möbelmesse erschienen, hatte das erstmal wenig mit Stühlen, Schränken oder Polstermöbeln zu tun. Außenminister Antonio Tajani und Senatspräsident Ignazio La Russa schnitten am 21. April um 10:30 Uhr in der Fiera Milano Rho das Band der 64. Ausgabe des Salone del Mobile durch. Gegen 13 Uhr stieß Premierministerin Giorgia Meloni hinzu und blieb rund zwei Stunden, am frühen Nachmittag folgte Vizepremier Matteo Salvini. Ein politisches Aufgebot, das in Italien sonst Staatsbesuchen vorbehalten ist. Tajani verlieh Salone-Präsidentin Maria Porro den staatlich vergebenen Titel „Ambasciatore del design italiano nel mondo" und unterzeichnete mit FederlegnoArredo eine Rahmenvereinbarung zwischen Außenministerium und Möbelverband. Meloni lieferte am Pressetermin die Begründung dieser Aufmerksamkeit: über 50 Milliarden Euro Umsatz, 2,3 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts, 300.000 Beschäftigte. In Rom ist die Möbelbranche Staatsangelegenheit – nicht trotz der instabilen Lage, sondern wegen ihr.

Genau dieser industriepolitischen Aufladung entspricht eine inhaltliche Operation, mit der die Messe selbst auf die Krise antwortet. Auf der Vortragsliste in Pavillon 14 stand am Mittwoch ein Pritzker-Preisträger. Auf der Bühne saß der Europa-Editor von Monocle. Im Hintergrund holt das Mailänder Messehaus mit Unterstützung der italienischen Außenhandelsagentur ITA 250 selektierte internationale Top-Player aus dem Objektgeschäft an die Fiera. Eine Möbelmesse, die so viel Aufwand in ihr Rahmenprogramm steckt, hat entweder ein Aufmerksamkeitsproblem – oder einen Plan. Im Falle des Salone del Mobile ist es Letzteres, und er trägt den Namen Salone Contract. Dass die 64. Ausgabe der Mailänder Messe die 169.000 Quadratmeter Hallenfläche bei vollen 1.900 Ausstellern aus 32 Ländern restlos verkauft hat, gehört zum erwartbaren Pflichtbestand. Bemerkenswert ist eher, was die Veranstalterin Federlegno Arredo Eventi in dieses ausverkaufte Haus zusätzlich hineingebaut hat: eine mehrjährige strategische Initiative, deren eigentliches Format erst 2027 debütiert.

Die Choreografie der Vorbereitungsphase folgt einer ungewohnten Logik. Den Masterplan zeichnen Rem Koolhaas und David Gianotten von OMA – also ein Architekturbüro, kein Messeberater. Am 22. April präsentierte Koolhaas im Drafting Futures Arena seine „Current Preoccupations", flankiert vom Eröffnungspanel „Contract Sector Opportunities in a Transforming Industry" unter Moderation von Ed Stocker (Monocle) und einer Abschlussrunde, die Christele Harrouk (ArchDaily) leitete. Parallel führt ein thematischer Rundgang durch jene Aussteller, die bereits im Objektgeschäft tätig sind. Ab September 2026 verlagert sich das Vorhaben in eine internationale Roadshow durch Schlüsselregionen für Großprojekte und Giga-Vorhaben; im April 2027 folgt die erste vollständige Ausgabe samt dreitägigem Salone Contract Forum mit B2B-Programm. Lokaler Partner für 2027 ist das Mailänder Büro PMP Architecture. Was sich hier ankündigt, ist nicht ein zusätzliches Sub-Format, sondern der Versuch, dem internationalen Contract-Geschäft eine eigene messeökonomische Bühne zu bauen – jenseits der bestehenden Hallen für Wohn-, Küchen- und Badmöbel.

Die wirtschaftliche Begründung liegt in einer Verschiebung, die bei den großen Herstellern längst angekommen ist und die Maria Porro mit dem griffigen Satz von der „Verschiebung von der Produkt- zur Projektkultur" zu fassen versucht. Übersetzt heißt das: Wertschöpfung entsteht im Contract-Segment zunehmend nicht mehr über das einzelne Möbel, sondern über die Integration von Systemen, Daten, Logistik und Service. Die von OMA referenzierte Studie „Emerging Trends in Real Estate 2026" von PwC und Urban Land Institute ordnet die Bewegung quantitativ ein: Den volumengrößten Teilbereich stellt nach wie vor der Bürosektor, die stabilsten Wachstumsraten zwischen 2018 und 2024 verzeichneten dagegen die Bereiche High-End-Hotellerie, Bildung, Gesundheit und Schiffsinterieur – Letzterer gestützt durch die Erholung des Kreuzfahrtgeschäfts und die anhaltende Nachfrage des Yacht- und Superyacht-Segments nach maßgeschneiderten Einrichtungen. Vor dem Hintergrund einer italienischen Holz- und Möbel-Lieferkette, die 2025 zwar einen Umsatz von über 52 Milliarden Euro auswies, ihre Wachstumsstory aber gegen Zölle, Inflation und einen eskalierenden Nahost-Konflikt verteidigen muss, ist die Logik des Auftritts erkennbar: Die Branche braucht eine Erzählung, die größer ist als der einzelne Stuhl. Für Architekten und Planer im internationalen Objektgeschäft heißt das: Die zentrale europäische Branchenmesse hört auf, sich primär als Möbelmesse zu denken – ein Vorgang, der die nächsten zwei Saisons prägen dürfte.